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II..26. Hans Magnus Enzensberger (1929)



Wurde im Jahre 1929 in Kaufbeuren im Allgäu in Bayern in einer bürgerlichen Familie geboren. Sein Vater war Oberpostdirektor in Nürnber. Als Kind musste er die Hitlerjugend mitmachen, wurde aber wegen seines angeblich trotzigen Charakters und Querulantentums ausgeschlossen. Das kriegsende erlebte er als Volksstrurm-Angehöriger. In den ersten Nachkriegsjahren ernährte er sich als Schwarzhändler, Dolmetscher und Barmann. Nach dem Abitur in Nördlingen studierte er an viele deutschen Universitäten und in Paris. Nach Sprach- und Literaturwissenschafts-, Germanistik- und Philosophie-Studien arbeitete er zunächst als Rundfunkredakteur, dann als Verlagslektor, Gastdozent und „Kursbuch“-Herausgeber, später als literarischer Kopf der Zeitschrift „Transatlantik“.

Was sein Gesamtschaffen betrifft, so zeichnet es sich durch ungewöhnliche Vielseitigkeit aus. Enzensberger war nicht nur Lyriker, sondern auch Essayi. Bekannt ist auch seine Prosa und Dramatik, Kinder- und Jugendbücher. Er war ein ausgesprochen „engagierter“ Autor, dessen Kritizismus von Freunden und Feinden anerkannt war. Zum Vorbild diente ihm Bertolt Brecht, dessen Anregungen er mit dem Montageverfahren der modernistische Lyrik verknüpfte. Viele Gedichte und andere Werke aus seiner Feder sind von satirischem Pathos getragen, die meisten von ihnen sind dialektisch pointiert und erfinderisch. Der Kontrast ist eines seiner Lieblinsmittel. Besonderrs beeinbdruckend ist seine Wortwahl: technische Fachsprache, politische Begriffe, sagar Straßenjargon und zahlreiche Neologismen. Seine bekanntesten und meistgelesenen Gedichtbände sind folgende: „verteidigung der wölfe“ (1957), „landessprache“ (1960), „blindenschrift“ (1964), „Die Furie des Verschwindens“ (1980), „Zukunftsmusik“ und „Kiosk“ (1995).

„verteidigung der wölfe“ war sein erster Gedichtband. Der Dichter spielt hier mit der Sprache, um seinen Weltekel zumausdruck zu bringen. Er ist politisch gesehen „wesentlich Revisionist“. Seine Gedichte sind ihm „Gebrauchsgegenstände wie Waffen und Hüte“, mit deren Hilfe man das zeigen könne, was man mit anderen dingen nicht zeigen kann. Das Gedichtbuch ist in drei Teile gegliedert: freundliche Gedichte, traurige Gedichte und böse Gedichte. Die bösen Gedichte sind polemisch-aggressiv, schneidend scharf und zynisch. So sind die Verse „verteidigung der wölfe gegen die lämmer“, „an einen mann in der trambahn“. Mit giftigem Zorn erfüllt ist das Gedicht „dich gibt’s zu oft“, in dem dumme, gleichgültige, gehorsame Durchschnittsmenschen angeprangert werden.

Der Band „landessprache“ schließt in sich 36 Poeme ein. Diese Gedichte sind noch schärfer und angriffslustiger. Die Kritik wird noch zorniger. Deutschland erscheint darin als „deutschland, mein land, unheilig herz der völker“, „wo es aufwärtsgeht, aber nicht vorwärts“. Auch vom „arischen Schutthaufen“ ist darin dieRede.

Der dritte Gedichtband „blindenschrift“ ist nicht mehr zornerfüllt. Da überwiegen skeptische, melancholische oderironische Töne. Da wird mehr gefragt, als gefordert:“ist es erlaubt, auch an den zweifeln zu zweifeln?“. Der dichter will die Welt nicht mehr verändern und zieht auf sich selbst zurück, „in vier vorläufige Wände“.

Von großer Wichtigkeit war auch die herausgeberische Tätigkeit von Hans Magnus Enzensberger. Bemerkenswert war sein „Museum der modernen Poesie“, das aus 362 Gedichten besteht, im Original und in deutscher Übersetzung.

Bedeutend war Hans Magnus Enzensberger aber nicht nur als Lyriker, sondern auch als Essayist. Zu seiner Essayistik zählt man machmal auch seine Doktorissertation über die Poetik Brentanos, seine Essays in zwei Bänden „Einzelheiten“, in denen der Autor die Bewusstseins-Industrie und Politik mit Poesie von radikal kritischen Positionen aus betrachtet. In den späteren Essays deckt Enzensberger den Zusammenhang von Politik und Verbrechen auf und geht auf viele aktuelle Widersprüche der westdeutschen und europäischen Wirklichkeit ein.

Seine „Feinde“ kamen vorwiegend aus rechts und links gerichteten Kreisen, sie forderten ihn immer wieder auf, „Farbe zu bekennen“, worauf er ihnen in seiner Zeitschrift „Kursbuch“ folgenderweise antwortete: „Die diversen Seelen in … meiner Brust sind weltpolitisch nicht von Interesse.. Die moralische Aufrüstung von links kann mit gestohlen bleiben. Ich bin kein Idealist. Bekenntnissen ziehe ich Argumente vor. Zweifel sind mir lieber als Sentiments. Revolutionäres Geschwätz ist mir verhasst. Widerspruchsfreie Weltbilder brauch ich nicht. Im Zweifelsfall entscheidet die Wirklichkeit“.

 

Landessprache

 

Was habe ich hier verloren,

in diesem land,

dahin mich gebracht haben meine älteren

durch arglosigkeit?

eingeboren, doch ungetrost,

abwesend bin ich hier,

ansässig im gemütlichen elend,

in der netten, zufriedenen grube.

 

was habe ich hier? und was habe ich hier zu suchen,

in dieser schlachtschüssel, diesem schlaraffenland,

wo es aufwärts geht, aber nicht vorwärts,

wo der überdruss ins bestickte hungertuch beißt,

wo in den delikatessgeschäften die armut, kreidebleich,

mit erstickter stimme aus dem schlagraum röchelt und ruft:

es geht aufwärts!

wo eine gewinnspanne weit von den armen reichen

die reichen armen

vor begeisterung ihre kinostühle zerschmettern,

da gehr es aufwärts von fall zu fall,

wo die zahlungsbilanz hosianna und alles was recht ist singt

und ruft: das ist nicht genug,

dass die tarifpartner durch die straßen irren

und mit geballten fäusten frohlocken

und singen und sagen:

 

hier geht es aufwärts,

hier ist gut sein,

wo es rückwärts aufwärts geht,

hier schießt der leitende herr den leitenden herrn mit dem

gesangbuch ab,

hier führen die leichtbeschädigten mit den schwer-

beschädigten krieg,

hier heißt es unerbittlich nett zueinander sein,

 

und das ist das kleinere übel,

das wundert mich nicht,

das nehmen die käufer in kauf,

hand aufs herz, hier sind wir zuhaus,

 

hier lasst uns hütten bauen,

auf diesem arischen schrotthaufen,

auf diesem krächzenden parkplatz,

wo aus den ruinen ruinen sprossen,

nagelneu, ruinen auf vorrat, auf raten,

auf abruf, auf widerruf:

 

hiersein ist herrlich,

wo dem verbrauchten verbraucher,

und das ist das kleinere übel,

die haare ausfallen,

wo er sein erfolgreiches haupt verhüllt

mit wellpappe und cellophan

wo er abwesend aus der grube ruft:

hier lasst uns hütten bauen,

 

in dieser mördergrube,

wo der kalender sich selber abreißt vor ohnmacht und hast,

wo die vergangenheit in den müllschluckern schwelt

und die zukunft mit falschen zähnen knirscht,

das kommt davon, dass es aufwärts geht,

da tun wir fleckenwasser drauf,

das ist hier so üblich, das wundert mich nicht,

 

goldrichtig liegen wir hier,

wo das positive zum höchstkurs notiert,

die handelskammern decken sich damit ein

und bahren es auf unter panzerglas,

 

wo wir uns finden wohl unter blinden,

in den schau-, kauf- und zeughäusern,

und das ist nicht alles, das ist nur die hälfte,

das ist die tiefgefrorene wildnis,

das ist die erfolgreiche raserei, das tanzt

im notdürftigen nerz, auf zerbrochenen knien,

im ewigen frühling der amnesie,

 

das ist ein anderes land als andere länder,

das reut mich, und dass es mich reut,

das ist das kleinere übel, denn das ist wahr,

was seine opfer, ganz gewöhnliche tote leute,

aus der erde rufen, etwas laut- und erfolgloses,

das an das schalldichte pflaster dringt

von unten und es beschlägt, dass es dunkel wird,

fleckig, nass, bis eine lache,

eine ganz gewöhnliche lache es überschwemmt,

 

und den butzemann überschwemmt,

das löweneckerchen, das allerleirauh,

und die schöne rapunzel, die sind nicht mehr hier,

und es gibt keine städte mehr, und keine fische,

die sind erstickt in dieser lache,

 

wie meine brüder, die tadel- und hilflosen pendler,

wie sie mich reuen, die frommen gerichtsvollzieher,

die gasmänner, wie sie waten zuhauf,

mit ihren plombierzangen, wie sie stapfen,

in ihren abwesenden stiefeln, durchs bodenlose,

die gloriole vorschriftsmäßig tief im genick:

 

ja wären’s leute wie andere heute,

wär es ein ganz gewöhnliches, ein andres

als dieses nacht- und nebelland,

von abwesenden überfüllt,

 

die wer sie sind nicht wissen noch wissen wollen,

die in dieses land geraten sind

auf der flucht von diesem land

und werden flüchtig sein bis zur grube:

wärs anders, wär ihm zu helfen,

wäre rat und genugtuung hier,

wär es nicht dieses brache, mundtote feindesland!

 

was habe ich hier verloren, was suche ich

und stochre in diesem unzuständigen knäuel

von nahkampfspangen, genusscheinen,

gamsbärten, schlussverkäufen, und finde nichts

als chronische, chronologisch geordnete turnhallen

und stachbearbeiter für die menschlichkeit

in den kasernen für die kasernen für die kasernen:

 

was soll ich hier? und was soll ich sagen?

in welcher sprache? und wem?

da tut mir die wahl weh wie ein messerstich,

das reut mich, das ist das kleinere übel,

das schreit und so weiter

mit kleinen schreien zum himmel

und gibt sich für größer aus als es ist,

aber es ist nicht ganz,

es ist nur die himmelschreiende hälfte,

es ist noch nicht genug:

 

denn dieses land, vor hunger rasend,

zerrauft sich sorgfältig mit eigenen händen,

dieses land ist von sich selber geschieden,

ein aufgetrenntes, inwendig geschriebenes herz,

unsinnig tickend, eine bombe aus fleisch,

eine nasse, abwesende wunde:

 

deutschland, mein land, unheilig herz der völker,

ziemlich verrufen, von fall zu fall,

unter allen gewöhnlichen leuten:

meine zwei länder und ich, wir sind geschiedene leute,

und doch bin ich inständig hier,

in asche und sack, und frage mich:

was habe ich hier verloren?

 

das habe ich hier verloren,

was auf meiner zunge schwebt,

etwas andres, das ganze,

das furchtlos scherzt mit der ganzen welt

und nicht in dieser lache ertrinkt,

 

verloren an dieses fremde, geschiedene geröchel,

das gepresste geröchel im „neuen deutschland“,

das frankfurter allgemeine geröchel

(und das ist das kleinere übel),

ein mundtotes würgen, das nichts von sich weiß,

 

von dem ich nichts wissen will, musterland,

mördergrube, in die ich herzlich geworfen bin

bei halbwegs lebendigem leib,

da bleibe ich jetzt,

ich hadere aber ich weiche nicht,

da bleibe ich eine zeitlang,

bis ich von hinnen fahre zu den anderen leuten,

und ruhe aus, in einem ganz gewöhnlichen land,

hier nicht,

nicht hier.

 

Fragen und Aufgaben zum Text:

 

I.

1. Zu welchem Thema ist dieses Gedicht? Kann man es als „politisch“, „engagiert“ deuten?

2. Versuchen Sie die Hauptidee zu formulieren und mit dem Titel in Verbindung zu bringen.

3. Finden Sie die Pointe des Gedichtes.

4. Kann man das Gedicht genremäßig festlegen?

5. Wie geht der Autor mit der Tradition um? (Strophe, Metrum, Reim).

6. Entdecken Sie im Text Allusionen? Welche?

7. Wie ist das von dem Dichter geschaffene Bild der Welt? (rational-irrational, chaotisch-ordentlich, objektiv-subjektiv, zerrissen, entfremdet, sinnlos?).

8. Welche Rolle spielen im Text Zeit und Raum?

9. Kann man im Gedicht die Reihenfolge der Strophen verändern? (постмодернистский приём пермутации).

10. Würden Sie das Pathos des Gedichtes als „Ironie“ oder „kritische Haltung“ bezeichnen?

II.

1. Wie schätzen Sie die Satzlänge und die Wortwahl im Gedicht ein?

2. Ist diese Schreibgraphik ein Versuch, aus dem Kontext der fixierten Bedeutungen auszubrechen?

3. Treibt der Dichter in seinem Werk ein Spiel mit dem Bekannten (z.B. Rapunzel)?

4. Wird hier mit verschiedenen Stilen gespielt? (wissenschaftliche Lexik, Presseausdrücke, Volkssprache, politische Begriffe).

4. Findet man hier Elemente der Intertextualität? Welche und wo?

5. Charakterisieren Sie die Syntax im Gedicht.

6. Welcherart Aufzählungen verwendet hier der Autor? Und zu welchem Zweck?

7. Bestimmen Sie die Funktion der Wiederholungen in diesem Kontext.

8. Was würden Sie hier als Leitmotiv verstehen? Welche symbolische Bedeutung hat es?

9. Wie soll man das Oxymoron „die reichen Armen“ verstehen?

10. Was sollen die Volkssuperlative im Text? (goldrichtig, nagelneu, leichenbleich u.a.).

11. Welchen Effekt bezweckt der Dichter mit den im Text verwendeten Metaphern und Periphrasen?

 

 







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