ТОП 10:

II.20. Wolfgang Borchert (1921—1947)



 

Wolfgang Borchert wurde als Sohn eines Lehrers und einer Heimatschriftstellerin am 20. Mai 1921 in Hamburg geboren, wo er nach dem Besuch der Volksschule und der Oberschule mit 17 Jahren eine Buhhändlerlehre begann. Nach einem Jahr gab er die Lehre auf, um Schauspieler zu werden.

Im dritten Kriegsjahr wurde Borchert als Panzergrenadier an der linken Hand verwundet und wegen des Verdachts der Selbstverstümmelung angeklagt. Die Todesstrafe konnte abgewendet werden, und der Zwanzigjährige wurde zur „Frontbewährung“ in Russland eingesetzt, wo er Ende 1942 an Gelbsucht erkrankte.

Nach einem Lazarettaufenthalt hielt sich Borchert erst in Hamburg, dann in Jena auf. Im Dezember 1943 parodierte er im Kameradenkreis Joseph Goebbels und wurde daraufhin denunziert und verhaftet. Nach neun Monaten Gefängnis entließ man Borchert. 1945 geriet er in französische Gefangenschaft. Es gelang ihm zu fliehen und sich in seine Heimatstadt durchzuschlagen, wo er zwei Tage nach der deutschen Kapitulation eintraf.

Als Schwerkranker übte er für kurze Zeit eine Tätigkeit im Hamburger Schauspielhaus aus. Ab 1946 verbrachte er sein Leben im Krankenhaus bzw. zu Hause im Bett.

1947 wurde Borchert noch in das Clara-Spital nach Basel gebracht, wo er am 20. November starb.

Im der kurzen Zeit zwischen Frühjahr 1946 und seinem Tod entstanden die meisten Werke Wolfgang Borcherts, vor allem das Drama „Draußen vor der Tür“ und seine Kurzprosa. Die Veröffentlichung der 12 Geschichten in der Sammlung „Die Hundeblume“ erlebte der Dichter noch im April 1947, die neunzehn Geschichten im Zyklus „An diesem Dienstag“ erschienen wenige Tage nach seinem Tod.

In „Draußen vor der Tür“ wird die Tragödie des Heimkehrers Beckmann gezeigt, der in der Heimat keine Heimat mehr finde. Sein Lebensgefühl ist typisch für Hunderttausende deutscher Kriegsteilnehmer. Wie er fragten viele in Deutschland im Nachkrieg: „Soll ich mich weiter morden lassen und weiter morden? Wohin soll ich denn? Wovon soll ich leben? Mit wem? Für was? Wohin sollen wir denn auf dieser Welt?“ All diese Fragen veranschaulichen die sinnlosigkeit des Krieges und die moralische Stumpfheit des Milieus

Im Drama überwiegen düstere Farben und Töne der Verzweiflung. Und trotzdem bleibt das Hauptanliegen des Textes durchaus humanistisch. Allerdings bleibt die Darstellungsweise im Werk nicht historisch konkret und realistisch, sondern eher expressionistisch. Expressionistische Darstellungsmittel zeigen sich vor allem in Typisierung, Allegorie und grotesken Visionen. Das humanistische Bekenntnis durchdringt auch die Kurzerzählungen des Schriftstellers sowie seine Lyrik:

Ich möchte Leuchtturm sein

In Nacht und Wind –

Für Dorsch und Stint,

für jedes Boot –

und bin doch selbst

ein Schiff in Not!

Borcherts Kurzgeschichten stehen häufig im Schatten seines einzigen Dramas „Draußen vor der Tür“. Die zeitgenössischen Literaturkritiker warfen ihm Nihilismus vor, nicht zuletzt, weil er sich selbst mehr als einmal als „Neinsager“ bezeichnete. Man übersah dabei, dass Borcherts „Nein“ Protest war, was im folgenden Zitat klar zutage tritt: „Denn wir müssen in das Nichts hinein wieder ein Ja bauen. Häuser müssen wir bauen in die freie Luft unseres Neins, über den Schlünden, den Trichtern und Erdlöchern und den offenen Mündern der Toten – denn wir lieben diese gigantische Wüste, die Deutschland heißt. Dies Deutschland lieben wir nun. Und jetzt am meisten. Und um Deutschland wollen wir nicht sterben. Um Deutschland wollen wir leben.“

Das Schicksal der einfachen deutschen Menschen, der dem Grauen des Krieges Entronnenen bleibt immer das Hauptthema seiner Kurzerzählungen. Die Hauptfiguren dieser Texte agieren in alltäglichen Situationen, die im Resultat der Sprach- und Gestaltungskraft poetische Überhöhung erfahren. Zu den bekanntesten Werken dieser Artgehören: „Bleib doch, Giraffe“, „die Kegelbahn“, „Mein bleicher Bruder“

Im Nachlass des Dichters fanden sich noch eine Reihe weiterer Kurzgeschichten, so auch „Das Brot“. Während „Das Brot“ bereits 1949 herausgegeben worden war, erschien „Das Holz für morgen“ erst 1962.

 

Das Brot

 

Plötzlich wachte sie auf. Es war halb drei. Sie überlegte, warum sie aufgewacht war. Ach so! In der Küche hatte jemand gegen einen Stuhl gestoßen. Sie horchte nach der Küche. Es war still. Es war zu still und als sie mit der Hand über das Bett neben sich fuhr, fand sie es leer. Das war es, was es so besonders still gemacht hatte: sein Atem fehlte. Sie stand auf und tappte durch die dunkle Wohnung zur Küche. In der Küche trafen sie sich. Die Uhr war halb drei. Sie sah etwas Weißes am Küchenschrank stehen. Sie machte Licht. Sie standen sich im Hemd gegenüber. Nachts. Um halb drei. In der Küche.

Auf dem Küchentisch stand der Brotteller. Sie sah, dass er sich Brot abgeschnitten hatte. Das Messer lag noch neben dem Teller. Und auf der Decke lagen Brotkrümel. Wenn sie abends zu Bett gingen, machte sie immer das Tischtuch sauber. Jeden Abend. Aber nun lagen Krümel auf dem Tuch. Und das Messer lag da. Sie fühlte, wie die Kälte der Fliesen langsam an ihr hoch kroch. Und sie sah von dem Teller weg.

„Ich dachte, hier wär’ was“, sagte er und sah in der Küche umher. „Ich habe auch was gehört“, antwortete sie und dabei fand sie, dass er nachts im Hemd doch schon recht alt aussah. So alt wie er war. Dreiundsechzig. Tagsüber sah er manchmal jünger aus. Sie sieht doch schon alt aus, dachte er, im Hemd sieht sie doch ziemlich alt aus. Aber das liegt vielleicht an den Haaren. Bei den Frauen liegt das nachts immer an den Haaren. Die machen dann auf einmal so alt.

„Du hättest Schuhe anziehen sollen. So barfuss auf den kalten Fliesen. Du erkältest dich noch.“

Sie sah ihn nicht an, weil sie nicht ertragen konnte, dass er log. Dass er log, nachdem sie neununddreißig Jahre verheiratet waren.

„Ich dachte, hier wäre was“, sagte er noch einmal und sah wieder so sinnlos von einer Ecke in die andre, „ich hörte hier was. Da dachte ich, hier wäre was“.

„Ich hab auch was gehört. Aber es war wohl nichts.“ Sie stellte den Teller vom Tisch und schnippte die Krümel von der Decke.

„nein, es war wohl nichts“, echote er unsicher.

Sie kam ihm zu Hilfe: „Komm man. Das war wohl draußen. Komm man zu Bett. Du erkältest dich noch. Auf den kalten Fliesen.“

Er sah zum Fenster hin. „Ja, das muss wohl draußen gewesen sein. Ich dachte, es wäre hier.“

Sie hob die Hand zum Lichtschalter. Ich muss das Licht jetzt ausmachen, sonst muss ich nach dem Teller sehen, dachte sie. Ich darf doch nicht nach dem Teller sehen. „Komm man“, sagte sie und machte das Licht aus, „das war wohl draußen. Die Dachrinne schlägt immer bei Wind gegen die Wand. Es war sicher die Dachrinne. Bei Wind klappert sie immer.“

Sie tappten sich beide über den dunklen Korridor zum Schlafzimmer. Ihre nackten Füße platschten auf den Fußboden.

„Wind ist ja“, meinte er. „Wind war schon die ganze Nacht.“ Als sie im Bett lagen, sagte sie: „ Ja Wind war schon die ganze Nacht. Es war doch die Dachrinne.“

„Ja, ich dachte, es wäre in der Küche. Es war wohl die Dachrinne.“ Er sagte das, als ob er schon halb im Schlaf wäre. Aber sie merkte, wie unecht seine Stimme klang, wenn er log. „Es ist kalt“, sagte sie und gähnte leise, „ich krieche unter die Decke. Gute Nacht.“

„Nacht“, antwortete er und noch: „ja, kalt ist es schon ganz schön.“

Dann war es still. Nach vielen Minuten hörte sie, dass er leise und vorsichtig kaute. Sie atmete absichtlich tief und gleichmäßig, damit er nicht merken sollte, dass sie noch wach war. Aber sein Kauen war so regelmäßig, dass sie davon langsam einschlief.

Als er am nächsten Abend nach Hause kam, schob sie ihm vier Scheiben Brot hin. Sonst hatte er immer nur drei essen können.

„Du kannst ruhig vier essen“, sagte sie und ging von der Lampe weg. „Ich kann dieses Brot nicht so recht vertragen. Iß du man eine mehr. Ich vertrag es nicht so gut.“

Sie sah, wie er sich tief über den Teller beugte. Er sah nicht auf. In diesem Augenblick tat er ihr leid.

„Du kannst doch nicht nur zwei Scheiben essen“, sagte er auf seinen Teller.

„Doch. Abends vertrag ich das Brot nicht gut. Iß man. Iß man.“

Erst nach einer Weile setzte sie sich unter die Lampe an den Tisch.

 

Fragen und Aufgaben zum Text:

I.

1. Charakterisieren Sie den Aufbau der Kurzgeschichte.

2. Was soll der unvermittelte Einstieg im Text („plötzlich“)? 3. Wie bewerten Sie die Beschreibung der Küche aus der Sicht der Frau? 4. Welchen Eindruck macht auf Sie der quälende gedehnte Dialog ohne Inhalt, nach der peinlichen Enthüllung, bis zur Unerträglichkeit ausgeweitet? 5. Schätzen Sie den absurden Dialog im Bett ein, 6. Was soll der Zeitsprung und der offene Schluss im Text bedeuten? Etwa die Krise der zwischenmenschlichen Beziehung?.

7. Was können Sie zum Erzählverhalten in der Geschichte sagen?

8. Wie schätzen Sie den Wechsel vom neutralen zum personalen Erzählverhalten ein? 9. Was können sie von der Art des Beschreibens äußerer und innerer Vorgänge im Text sagen? 10. Kann man die Gedanken des Mannes (fast ein innerer Monolog) und die Gegenüberstellung der Gedanken der beiden Figuren als Perspektivewechsel betrachten?

11. Soll die innere Beklemmung der Figuren deutsche Tragik in den Nachkriegsjahren veranschaulichen? Ironie. Schmuckloser Stil.

12. Charakterisieren Sie die Figuren der Kurzgeschichte.

13. Was sollen die Personalpronomen „er“ und „sie“ anstatt der Eigennamen?

14. Wie schätzen Sie die nicht unmittelbar evidente Aussageabsicht des Verfassers ein?

15. Warum fehlen im Text moralisierende Kommentare? 16. Erfolgt im Text die Charakterisierung von Figuren und Geschehnissen direkt oder indirekt?

17. Was macht Ihrer Meinung nach das ideelle Zentrum der Kurzgeschichte aus? Etwa das Gespräch der beiden alten Eheleute? 18. Schätzen Sie den Versuch der Rechtfertigung des alten Mannes als unbeholfene Lüge oder als Not-Lüge ein? 19. Ist das gemeinsame Wegschauen vom Tisch für die beiden handelnden Personen eine Art Rettungsanker? 20. Gewinnt Ihrer Ansicht nach der Dialog gelegentlich groteske Züge?

21. Kann man das Motiv der Verdrängung als Lüge aus Barmherzigkeit verstehen?

22. Lässt sie die Erzähltechnik im Text eventuell als filmtechnische Montage bewerten?

23. Welche Erzählform verwendet der Autor in seinem Text?

24. Welcherart Erzählerfigur tritt im Text hervor?

25. Welches Erzählverhalten überwiegt im Text?

26. Spielt das szenische; dramatische Darstellen im Text eine große Rolle?

27. Welchen Platz nehmen in der Erzähltechnik dieses Textes die Innen- und Außensicht ein?

28. Was kann man von der Erzählhaltung in der Kurzgeschichte sagen?

29. Welchen Charakter hat der Titel der Erzählung und welche assoziativen Verbindungen zum „Brot“ lassen sich im Zusammenhang damit herstellen: etwa symbolische, kultische oder historisch-politische?

 

II.

1. Charakterisieren Sie den Satzbau., die Satzlänge des Textes und bestimmen Sie ihre Funktion darin.

2. Erinnert Sie die Schreibweise in diesem Text an das amerikanische „understatement“?

3. Finden Sie im Text Beispiele für die Klimax , Anapher, Anadiplose und andere Arten von Aufzählung und Wiederholung und bestimmen Sie deren Funktionen.

4. Was können Sie von der Wortwahl und deren Funktion in der Erzählung sagen?

5. Was soll das Symbol der Lampe im Text?

 

Das Holz für morgen

 

Er machte die Etagentür hinter sich zu. Er machte sie leise und ohne viel Aufhebens hinter sich zu, obgleich er sich das Leben nehmen wollte. Das Leben, das er nicht verstand und in dem er nicht verstanden wurde. Er wurde nicht von denen verstanden, die er liebte. Und gerade das hielt er nicht aus, dieses Aneinandervorbeigehen mit denen, die er liebte.

Aber es war noch mehr da, das so groß wurde, dass es alles überwuchs und das sich nicht wegschieben lassen wollte.

Das war, dass er nachts weinen konnte, ohne dass die, die er liebte ihn hörten. Das war, dass er sah, dass seine Mutter, die er liebte, älter wurde und dass er das sah. Das war, dass er mit anderen im Zimmer sitzen konnte, mit ihnen lachen konnte und dabei einsamer war als je. Das was, dass die anderen es nicht schießen hörten, wenn er es hörte. Dass sie das nicht hören wollten. Das war dieses Aneinandervorbeisein mit denen, die er liebte, das er nicht aushielt. Nun stand er im Treppenhaus und wollte zum Boden hinaufgehen und sich das Leben nehmen. Er hatte die ganze Nacht überlegt, wie er das machen wollte, und er war zu dem Entschluss gekommen, dass er vor allem auf den Boden hinaufgehen müsse, denn da wäre man allein und das war die Vorbedingung für alles andere. Zum Erschießen hatte er nichts und Vergiften war ihm zu unsicher. Keine Blamage wäre größer gewesen, als dann mit Hilfe eines Arztes wieder in das Leben zurückzukommen und die vorwurfsvollen mitleidigen Gesichter der anderen, die so voll Liebe und Angst für ihn waren, ertragen zu müssen. Und sich ertrinken, das fand er zu pathetisch, und sich aus dem Fenster stürzen, das fand er zu aufgeregt.

Nein, das Beste würde sein, man ginge auf den Boden. Da war man allein. Da war es still. Da war alles ganz unauffällig und ohne viel Aufhebens. Und da waren vor allem die Querbalken vom Dachstuhl. Und der Wäschekorb mit der Leine. Als er die Etagentür leise hinter sich zugezogen hatte, fasste er ohne zu zögern nach dem Treppengeländer und ging langsam nach oben. Das kegelförmige Glasdach über dem Treppenhaus, das von ganz feinem Maschendraht wie von Spinnengewebe durchzogen war, ließ einen blassen Himmel hindurch, der hier oben dicht über dem Dach am hellsten war.

Fest umfasste er das saubere hellbraune Treppengeländer und ging leise und ohne viel Aufhebens nach oben. Da entdeckte er auf dem Treppengeländer einen breiten weißen Strich, der vielleicht auch etwas gelblich sein konnte. Er blieb stehen und fühlte mit dem Finger darüber, dreimal, viermal. Dann sah er zurück. Der weiße Strich ging auf dem ganzen Geländer entlang. Er beugte sich etwas vor. Ja, man konnte ihn bis tief in die dunkleren Stockwerke nach unten verfolgen. Dort wurde er ebenfalls bräunlicher, aber er blieb doch einen ganzen Farbton heller als das Holz des Geländers. Er ließ seinen Finger ein paar Mal auf dem weißen Strich entlang fahren, dann sagte er plötzlich: Das hab ich ganz vergessen.

Er setzte sich auf die Treppe. Und jetzt wollte ich mir das Leben nehmen und hatte das beinahe vergessen. Dabei war ich es doch. Mit der kleinen Feile, die Karlheinz gehörte. Die habe ich in die Faust genommen und dann bin ich in vollem Tempo die Treppe runtergesaust und habe dabei die Feile tief in das weiche Geländer gedrückt. In den Kurven habe ich besonders stark gedrückt, um zu bremsen. Als ich unten war, ging über das Treppengeländer vom Boden bis zum Erdgeschoß eine tiefe, tiefe Rille. Das war ich. Abends würden alle Kinder verhört. Die beiden Mädchen unter uns, Karlheinz und ich. Und der nebenan. Die Hauswirtin sagte, das würde mindestens vierzig Mark kosten. Aber unsere Eltern wussten sofort, dass es keiner von uns gewesen war. Dazu gehörte ein ganz scharfer Gegenstand, und den hatte keiner von uns, das wussten sie genau. Außerdem verschandelte doch kein Kind das Treppengeländer in seinem eigenen Haus. Und dabei war ich es. Ich mit der kleinen spitzen Feile. Als keiner von den Familien die vierzig Mark für die Reparatur des Treppengeländers bezahlen wollte, schrieb die Hauswirtin auf die nächste Mietrechnung je Haushalt fünf Mark mehr darauf für Instandsetzungskosten des stark demolierten Treppenhauses. Für dieses Geld wurde dann gleich das ganze Treppenhaus mit Linoleum ausgelegt. Und Frau Daus bekam ihren Handschuh ersetzt, den sie sich an dem aufgesplitterten Geländer zerrissen hatte. Ein Handwerker kam, hobelte die Ränder der Rille glatt und schmierte sie dann mit Kitt aus. Vom Boden bis zum Erdgeschoss. Und ich, ich war es. Und jetzt wollte ich mir das Leben nehmen und hatte das beinahe vergessen.

Er setzte sich auf die Treppe und nahm einen Zettel. Das mit dem Treppengeländer war ich, schrieb er drauf. Und dann schrieb er oben drüber: An Frau Kaufmann, Hauswirtin. Er nahm das ganze Geld aus seiner Tasche, es waren zweiundzwanzig Mark, und faltete den Zettel da herum. Er steckte ihn oben in die kleine Brusttasche. Da finden sie ihn bestimmt, dachte er, da müssen sie ihn ja finden. Und er vergaß ganz, dass sich keiner mehr daran erinnern würde. Er vergaß, dass es schon elf Jahre her war, das vergaß er. Er stand auf, die Stufe knarrte ein wenig. Er wollte jetzt auf den Boden gehen. Er hatte das mit dem Treppengeländer erledigt und konnte jetzt nach oben gehen. Da wollte er sich noch einmal laut sagen, dass er es nicht mehr aushielte, das Auseinandervorbeisein mit denen, die er liebte, und dann wollte er es tun. Dann würde er es tun.

Unten ging eine Tür. Er hörte, wie seine Mutter sagte: Und dann sag ihr, sie soll das Seifenpulver nicht vergessen. Dass sie auf keinen Fall das Seifenpulver vergisst. Sag ihr, dass der Junge extra mit dem Wagen los ist, um das Holz zu holen, damit wir morgen waschen können. Sag ihr, das wäre für den Vater eine große Erleichterung, dass er nicht mehr mit dem Holzwagen los braucht und dass der Junge wieder da ist. Der Junge ist extra los heute. Vater sagt, das wird ihm Spaß machen. Das hat er die ganzen Jahre nicht tun können. Nun kann er Holz holen. Für uns. Für morgen zum Waschen. Sag ihr das, dass er extra mit dem Wagen los ist und dass sie mir nicht das Seifenpulver vergisst.

Er hörte eine Mädchenstimme antworten. Dann wurde die Tür zugemacht und das Mädchen lief die Treppe hinunter. Er konnte ihre kleine, rutschende Hand das ganze Treppengeländer entlang bis unten verfolgen. Dann hörte er nur ihre Beine noch. Dann war es still. Man hörte das Geräusch, das die Stille machte.

Er ging langsam die Treppe abwärts, langsam Stufe um Stufe abwärts. Ich muss das Holz holen, sagte er, natürlich, das hab ich ja ganz vergessen. Ich muss das Holz holen, für morgen.

Er ging immer schneller die Treppen hinunter und ließ seine Hand dabei kurz hintereinander auf das Treppengeländer klatschen. Das Holz, sagte er, ich muss das Holz holen. Für uns. Für morgen. Und er sprang die letzten Stufen mit großen Sätzen abwärts.

Ganz oben ließ das dicke Glasdach einen blassen Himmel hindurch. Hier unten aber mussten die Lampen brennen. Jeden Tag. Alle Tage.

 

 

Fragen und Aufgaben zum Text:

I.

1. Erzählen Sie das Sujet der Erzählung nach und bestimmen Sie dessen technische, thematisch-kompositorische Besonderheiten.

2. Welcher Bezug besteht zwischen Zeit und Raum in der Erzählung? ( 10-15 Minuten?). 3. Bestimmen Sie das Verhältnis von Ezählzeit und erzählter Zeit im Text.

4. Welchen Sinn hat der unvermittelter Handlungsbeginn (die Etagentür fällt ins Schloss)?

5. Kann man die Selbstmordabsicht des Jungen als tiefe innere Krise deuten?

6. Verleihen die Selbstmordgedanken dem Text tragisches Pathos? 7. Bestimmen Sie die Art des Konflikts und die Problematik des Textes.

8. Bedeutet die Rechtfertigung der Todesart die erste Retardierung (замедление) im Handlungsverlauf?

9. Und wo findet die zweite Retardierung des Handlungsverlaufs statt? Etwa mit dem Satz: „Das hab ich ja ganz vergessen“?

10. Kann man den Rückblick in die elf Jahre zurückliegende Kindheit erzähltechnisch als Rückblende oder als Rückgriff bezeichnen?

11. Bedeuten die Ungewissheit über den Ausgang der Geschichte, die Spannung und der Entschuldigungsbrief erzähltechnisch eine Zeitdehnung?

12. Wo tritt der Wendepunkt der Geschichte ein? Etwa mit dem Satz: „Unten ging die Tür auf.“? 13. Kann man die Worte der Mutter als Lösung betrachten? Zeugen sie von der alltäglichen Bewährung der wirklichen Liebe?

14. Wie ist die äußere Handlung im Text dynamisch oder eher spärlich?

15. Welches Erzählverhalten prägt den Text der Geschichte? 16. Charakterisieren Sie die Erzählerfigur des Werkes. 17. Wie verläuft der Perspektivwechsel im Text?

18. Wie realisiert sich die Charaktergestaltung in der Geschichte? Durch die Psychologisierung, das Porträt oder durch andere Kunstgriffe?

19. Gehört die Beschreibung der Zweifel des jungen Mannes zu seiner Charakteristik?

20. Kann man die Wortverbindung „blasser Himmel“ als symbolischen Ausdruck seiner Todessehnsucht begreifen? 21. Welche Rolle spielt das Motiv des Todes in der Geschichte? 22. Wie realisiert sich in dem Text das Motiv der Liebe?

23. Wie werden im Text die Raum- und Zeitverhältnisse gestaltet? 24. Welche Kunstgriffe verwendet der Autor, um die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft darzustellen?

25. Wie ist die Erzählhaltung in der Geschichte?

26. Welche Erzählform setzt der Autor in seinem Werk ein?

27. Welche Darbietungsarten werden in dieser Geschichte vom Autor verwendet?

28. Was können Sie von den Arten der Rededarstellung im Text sagen?

 

II.

1. Charakterisieren Sie die Satzstruktur und die Satzlänge in der Geschichte.

2. Wie bewerten Sie die Wortwahl des Textes?

3. Von welchen Stilmitteln wird der vorliegende Text dominiert?

4. Bestimmen sie die symbolische Bedeutung des Wortes „Holz“ im Werk.

4. Welchen Eindruck hat auf Sie der ideell-thematische Inhalt, die künstlerische Form der Geschichte und deren sprachliche Ausgestaltung gemacht?

 

 

II.21. Ilse Aichinger (1921 )

Wurde am 1. November 1921 in Wien geboren. Sie absolvierte das Gymnasium und erlebte während des Krieges Verfolgungen. Fünf Semester studierte sie nach dem Kriege Medizin, dann trat sie als Schriftstellerin hervor.1953 heiratete sie den Lyriker Günter Eich. Sie beide waren Angehörige des „Freundschaftsbundes“ von Schriftstellern: „Gruppe 47“. 1955 erhielt sie den Literaturpreis der Freien Hansestadt Bremen, 1961 – den Preis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, 1957 – den Karl- Immermann-Preis der Stadt Düsseldorf. Im Jahre 1956 wurde sie in die Westberliner Akademie der Künste und 1957 in den PEN- Club (BRD) gewählt. Ihre ersten Prosawerke waren zuerst an Kafka geschult. Sie waren parabolisches Zeugnis von der modernen Zeit; von dem Leben des Menschen, von der Brüchigkeit seines Daseins. In klarer, prägnanter Sprache gelang es ihr in die Bereiche des Mythischen, Traumhaften und Grotesken vorzudringen. Sie zeigte immer eine symbolhaft verdichtete höhere Wirklichkeit, ohne sich an surrealistische Phantasmagorien zu verlieren.

Ihr erstes Werk „Die größere Hoffnung“, (1948) wurde mit einem Förderungspreis innerhalb des Österreichischen Staatspreises 1952 ausgezeichnet. Die Szenen dieses ersten Romans der Autorin muten traumhaft, surrealistisch an. Im Mittelpunkt des Romans, der zur Hitlerzeit spielt, steht eine Gruppe von Kindern Im Vordergrund steht aber ein halbjüdisches Mädchen

, dessen Leidens- und Läuterungsstationen mit beeindruckender künstlerischer Meisterschaft geschildert werden.. Am Ende wird dieses Mädchen durch eine Granate getötet. Der Weg dieser „Ausgestoßenen“ gewinnt apokalyptische Züge. Ihr Leben endet unter „größerer Hoffnung“ auf Rettung und Erlösung im Sinne der Bibel, dass „denen, die Gott lieben, alle Dinge zum besten dienen“. Weitere kurze Prosastücke der Autorin („Rede unter dem Galgen“,1952, später in Deutschland unter dem Titel „Der Gefesselte“,1953) variieren das Thema des Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts, doch ohne Bindung an eine bestimmte Zeit. Diese Prosa geht von alltäglichen Vorfällen der gegenständlichen Welt aus. Das Wirkliche erscheint in ihnen als unwirklich, das Unwirkliche als wirklich, die Wahrheit erscheint als Traum. In der „Spiegelgeschichte“ z.B., die mit dem „Preis der Gruppe 47“ ausgezeichnet ist, erlebt ein sterbendes Mädchen noch einmal sein Leben vom Ende her zum Anfang hin, „bis es endlich im Augenblick des Todes zur Welt kommt“.

1971 erhielt die Schriftstellerin den Nelly-Sachs-Preis, 1975 die Roswitha-Medaille der Stadt Gandersheim, 1979 den Georg-Trakl-Preis, 1991 den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.

Spiegelgeschichte

 

Wenn einer dein Bett aus dem Saal schiebt, wenn du siehst, dass der Himmel grün wird, und wenn du dem Vikar die Leichenrede ersparen willst, so ist es Zeit für dich, aufzustehen, leise, wie Kinder aufstehen, wenn am Morgen Licht durch die Läden schimmert, heimlich, dass es die Schwester nicht sieht – und schnell!

Aber da hat er schon begonnen, der Vikar, da hörst du seine Stimme, jung und eifrig und unaufhaltsam, da hörst du ihn schon reden. Lass es geschehen! Lass seine guten Worte untertauchen in dem blinden Regen. Dein Grab ist offen. Lass seine schnelle Zuversicht erst hilflos werden, dass ihr geholfen wird. Wenn du ihn lässt, wird er am Ende nicht mehr wissen, ob er schon begonnen hat. Und weil er es nicht weiß, gibt er den Trägern das Zeichen. Und die Träger fragen nicht viel und holen deinen Sarg wieder herauf. Und sie nehmen den Kranz vom Deckel und geben ihn dem jungen Mann zurück, der mit gesenktem Kopf am Rand des Grabes steht. Der junge Mann nimmt seinen Kranz und streicht verlegen die Bänder glatt, er hebt für einen Augenblick die Stirne, und da wirft ihm der Regen ein paar Tränen über die Wangen. Dann bewegt sich der Zug die Mauern entlang wieder zurück. Die Kerzen in der kleinen, hässlichen Kapelle werden noch einmal angezündet und der Vikar sagt die Todesgebete, damit du leben kannst. Er schüttelt dem jungen Mann heftig die Hand und wünscht ihm vor Verlegenheit viel Glück. Es ist sein erstes Begräbnis, und er errötet bis zum Hals hinunter. Und ehe er sich verbessern kann, ist auch der junge Mann verschwunden. Was bleibt jetzt zu tun? Wenn einer einem Trauernden viel Glück gewünscht hat, bleibt ihm nichts übrig, als den Toten wieder heimzuschicken.

Gleich darauf fährt der Wagen mit deinem Sarg die Straße wieder hinauf. Links und rechts sind Häuser, und an allen Fenstern stehen gelbe Narzissen, wie sie ja auch in alle Kränze gewunden sind, dagegen ist nichts zu machen. Kinder pressen ihre Gesichter an die verschlossenen Scheiben, es regnet, aber eins davon wird trotzdem aus der Haustür laufen. Es hängt sich hinten an den Leichenwagen, wird abgeworfen und bleibt zurück. Das Kind legt beide Hände über die Augen und schaut euch böse nach. Wo soll denn eins sich aufschwingen, solang es auf der Friedhofsstraße wohnt? Dein Wagen wartet an der Kreuzung auf das grüne Licht. Es regnet schwächer. Die Tropfen tanzen auf dem Wagendach. Das Heu riecht aus der ferne. Die Straßen sind frisch getauft, und der Himmel legt seine Hand auf alle Dächer. Dein Wagen fährt aus reiner Höflichkeit ein Stück neben der Trambahn her. Zwei kleine Jungen am Straßenrand wetten um ihre Ehre. Aber der auf die Trambahn gesetzt hat, wird verlieren. Du hättest ihn warnen können, aber um dieser Eile willen ist noch keiner aus dem Sarg gestiegen.

Sei geduldig. Es ist ja Frühsommer. Da reicht der Morgen noch lange in die Nacht hinein. Ihr kommt zurecht. Bevor es dunkel wird und alle Kinder von den Straßenrändern verschwunden sind, biegt auch der Wagen schon in den Spitalshof ein, ein Streifen Mond fällt zugleich in die Einfahrt. Gleich kommen die Männer und heben deinen Sarg vom Leichenwagen. Und der Leichenwagen fährt fröhlich nach Hause.

Sie tragen deinen Sarg durch die zweite Einfahrt über den Hof in die Leichenhalle. Dort wartet der leere Sockel schwarz und schief und erhöht, und sie setzen den Sarg darauf und öffnen ihn wieder, und einer von ihnen flucht, weil die Nägel zu fest eingeschlagen sind. Diese verdammte Gründlichkeit!

Gleich darauf kommt auch der junge Mann und bringt den Kranz zurück, es war schon hohe Zeit. Die Männer ordnen die Schleifen und legen ihn vorne hin, da kannst du ruhig sein, der Kranz liegt gut. Bis morgen sind die welken Blüten frisch und schließen sich zu Knospen. Die Nacht über bleibst du allein, das Kreuz zwischen den Händen, und auch den Tag über wirst du viel Ruhe haben. Du wirst es später lange nicht mehr fertig bringen, so still zu liegen.

Am nächsten Tag kommt der junge Mann wieder. Und weil der Regen ihm keine Tränen gibt, starrt er ins Leere und dreht die Mütze zwischen seinen Fingern. Erst bevor sie den Sarg wieder auf das Brett heben, schlägt er die Hände vor das Gesicht. Er weint. Du bleibst nicht länger in der Leichenhalle. Warum weint er? Der Sargdeckel liegt nur mehr lose, und es ist heller Morgen. Die Spatzen schreien fröhlich. Sie wissen nicht, dass es verboten ist, die Toten zu erwecken. Der junge Mann geht vor deinem Sarg her, als stünden Gläser zwischen seinen Schritten. Der Wind ist kühl und verspielt, ein unmündiges Kind.

Sie tragen dich ins Haus und die Stiegen hinauf. Du wirst aus dem Sarg gehoben. Dein Bett ist frisch gerichtet. Der junge Mann starrt durch das Fenster in den Hof hinunter,da paaren sich zwei Tauben und gurren laut, geekelt wendet er sich ab.

Und da haben sie dich schon in das Bett zurückgelegt. Und sie haben dir das Tuch wieder um den Mund gebunden, und das Tuch macht dich so fremd. Der Mann beginnt zu schreien und wirft sich über dich. Sie führen ihn sachte weg. „Bewahret Ruhe!“ steht an allen Wänden, die Krankenhäuser sind zur Zeit überfüllt, die Toten dürfen nicht zu früh erwachen.

Vom Hafen heulen die Schiffe. Zur Abfahrt oder zur Ankunft? Wer soll das wissen? Still! Bewahret Ruhe! Erweckt die Toten nicht, bevor es Zeit ist, die Toten haben einen leisen Schlaf. Doch die Schiffe heulen weiter. Und ein wenig später werden sie dir das Tuch vom Kopf nehmen müssen, ob sie es wollen oder nicht. Und sie werden dich waschen und deine Hemden wechseln, und einer von ihnen wird sich schnell über dein Herz beugen, schnell, solang du noch tot bist. Es ist nicht mehr viel Zeit, und daran sind die Schiffe schuld. Der Morgen wird schon dunkel. Sie öffnen deine Augen und die funkeln weiß. Sie sagen jetzt auch nichts mehr davon, dass du friedlich aussiehst, dem Himmel sei Dank dafür, es stirbt ihnen im Mund. Warte noch! Gleich sind sie gegangen. Keiner will Zeuge sein, denn dafür wird man heute noch verbrannt.

Sie lassen dich allein. So allein lassen sie dich, dass du die Augen aufschlägst und den grünen Himmel siehst, so allein lassen sie dich, dass du zu atmen beginnst, schwer und röchelnd und tief, rasselnd wie eine Ankerkette, wenn sie sich löst. Du bäumst dich auf und schreist nach deiner Mutter. Wie grün der Himmel ist!

„Die Fieberträume lassen nach“, sagt eine Stimme hinter dir, „der Todeskampf beginnt!“

Ach die! Was wissen die?

Geh jetzt! Jetzt ist der Augenblick! Alle sind weggerufen. Geh, eh sie wiederkommen und eh ihr Flüstern wieder laut wird, geh die Stiegen hinunter, an dem Pförtner vorbei, durch den Morgen, der Nacht wird. Die Vögel schreien in der Finsternis, als hätten deine Schmerzen zu jubeln begonnen. Geh nach Hause. Und leg dich in dein eigenes Bett zurück, auch wenn es in den Fugen kracht und noch zerwühlt ist. Da wirst du schnell gesund! Da tobst du nur drei Tage lang gegen dich und trinkst dich satt am grünen Himmel, da stößt du nur drei Tage lang die Suppe weg, die dir die Frau von oben bringt,, am vierten nimmst du sie.

Und am siebenten, der der Tag der Ruhe ist, am siebenten gehst du weg. Die Schmerzen jagen dich, den Weg wirst du ja finden. Erst links, dann rechts und wieder links, quer durch die Hafengassen, die so elend sind, dass sie nicht anders können, als zum Meer zu führen. Wenn nur der junge Mann in der Nähe wäre, aber der junge Mann ist nicht bei dir, im Sarg warst du viel schöner. Doch jetzt ist dein Gesicht verzerrt von Schmerzen, die Schmerzen haben zu jubeln aufgehört. Und jetzt steht auch der Schweiß wieder auf deiner Stirne, den ganzen Weg lang, nein, im Sarg, da warst du schöner!

Die Kinder spielen mit den Kugeln am Weg. Du läufst in sie hinein, du läufst, als liefst du mit dem Rücken nach vorn, und keines ist dein Kind. Wie soll denn eines davon dein Kind sein, wenn du zur Alten gehst, die bei der Kneipe wohnt? Das weiß der ganze Hafen, wovon die Alte ihren Schnaps bezahlt.

Sie steht schon an der Tür. Die Tür ist offen und sie steckt dir ihre Hand entgegen, die ist schmutzig. Alles ist dort schmutzig. Am Kamin stehen die gelben Blumen, und das sind dieselben, die sie in die Kränze winden, das sind schon wieder dieselben. Und die Alte ist viel zu freundlich. Und die Treppen knarren auch hier. Und die Schiffe heulen, wohin du immer gehst, die heulen überall. Und die Schmerzen schütteln dich, aber du darfst nicht schreien. Die Schiffe dürfen heulen, aber du darfst nicht schreien. Gib der Alten das Geld für den Schnaps! Wenn du ihr erst das Geld gegeben hast, hält sie dir deinen Mund mit beiden Händen zu. Die ist ganz nüchtern von dem vielen Schnaps, die Alte. Die träumt nicht von den Ungeborenen. Die unschuldigen Kinder wagen’s nicht, sie bei den Heiligen zu verklagen, und die schuldigen wagen’s auch nicht. Aber du – du wagst es!

„Mach mir mein Kind wieder lebendig!“

Das hat noch keine von der Alten verlangt. Aber du verlangst es. Der Spiegel gibt dir Kraft. Der blinde Spiegel mit den Fliegenflecken lässt dich verlangen, was noch keine verlangt hat.

„Mach es lebendig, sonst stoß ich deine gelben Blumen um, sonst kratz ich dir die Augen aus, sonst reiß ich deine Fenster auf und schrei über die Gasse, damit sie hören müssen, was sie wissen, ich schrei – „

Und da erschrickt die Alte. Und in dem großen Schrecken, in dem blinden Spiegel erfüllt sie deine Bitte. Sie weiß nicht, was sie tut, doch in dem blinden Spiegel gelingt es ihr. Die Angst wird furchtbar, und die Schmerzen beginnen wieder zu jubeln. Und eh du schreist, weißt du das Wiegenlied: Schlaf, Kindlein, schlaf! Und eh du schreist, stürzt dich der Spiegel die finsteren Treppen wieder hinab und lässt dich gehen, laufen lässt er dich.

Lauf nicht zu schnell!

Heb lieber deinen Blick vom Boden auf, sonst könnt es sein, dass du da drunten an den Planken um den leeren Bauplatz in einen jungen Mann hineinläufst, in einen jungen Mann, der seine Mütze dreht. Daran erkennst du ihn. Das ist derselbe, der zuletzt an deinem Sarg die Mütze gedreht hat, da ist er schon wieder! Da steht er, als wäre er nie weg gewesen, da lehnt er an den Planken. Du fällst in seine Arme. Er hat schon wieder keine Tränen, gib ihm von den deinen. Und nimm Abschied, eh du dich an seinen Arm hängst. Nimm von ihm Abschied! Du wirst es nicht vergessen, wenn, wenn er es auch vergisst: Am Anfang nimmt man Abschied. Ehe man miteinander weitergeht, muss man sich an den Planken um den leeren Bauplatz für immer trennen.

Dann geht ihr weiter. Es gibt da einen Weg, der an den Kohlenlagern vorbei zur See führt. Ihr schweigt. Du wartest auf das erste Wort, du lässt es ihm, damit dir nicht das letzte bleibt. Was wird er sagen? Schnell, eh ihr an der See seid, die unvorsichtig macht! Was sagt er? Was ist das erste Wort? Kann es denn so schwer sein, dass es ihn stammeln lässt, dass es ihn zwingt, den Blick zu senken? Oder sind es die Kohlenberge, die über die Planken ragen und ihm Schatten unter die Augen werfen und ihn mit ihrer Schwärze blenden? Das erste Wort – jetzt hat er es gesagt: es ist der Name einer Gasse. So heißt die Gasse, in der die Alte wohnt. Kann denn das sein? Bevor er weiß, dass du das Kind erwartest, nennt er dir schon die Alte, bevor er sagt, dass er dich liebt, nennt er die Alte. Sei ruhig! Er weiß nicht, dass du bei der Alten schon gewesen bist, er kann es auch nicht wissen, er weiß nichts von dem Spiegel. Aber kaum hat er’s gesagt, hat er es auch vergessen. Im Spiegel sagt man alles, dass es vergessen sei. Und kaum hast du gesagt, dass du das Kind erwartest, hast du es auch verschwiegen. Der Spiegel spiegelt alles. Die Kohlenberge weichen hinter euch zurück, da seid ihr an der See und seht die weißen Boote wie Fragen an der Grenze eures Blicks, seid still, die See nimmt euch die Antwort aus dem Mund, die See verschlingt, was ihr noch sagen wolltet.

Von da an geht ihr viele Male den Strand hinauf, als ob ihr ihn hinab gingt, nach Hause, als ob ihr weglieft, und weg, als gingt ihr heim.

Was flüstern die in ihren hellen Hauben? „Das ist der Todeskampf!“ Die lasst nur reden.

Eines Tages wird der Himmel blass genug sein, so blass, dass seine Blässe glänzen wird. Gibt es denn einen anderen Glanz als den der letzten Blässe?

An diesem Tag spiegelt der blinde Spiegel das verdammte Haus. Verdammt nennen die Leute ein Haus, das abgerissen wird, verdammt nennen sie das, sie wissen es nicht besser. Es soll euch nicht erschrecken. Der Himmel ist jetzt blass genug. Und wie der Himmel in der Blässe erwartet auch das Haus am Ende der Verdammung die Seligkeit. Vom vielen Lachen kommen leicht die Tränen. Du hast genug geweint. Nimm deinen Kranz zurück. Jetzt wirst du auch die Zöpfe bald wieder lösen dürfen. Alles ist im Spiegel. Und hinter allem, was ihr tut, liegt grün die See. Wenn ihr das Haus verlasst, liegt sie vor euch. Wenn ihr durch die eingesunkenen Fenster wieder aussteigt, habt ihr vergessen. Im Spiegel tut man alles, dass es vergessen sei.

Von da ab drängt er dich, mit ihm hineinzugehen. Aber in dem Eifer entfernt ihr euch davon und biegt vom Strand ab. Ihr wendet euch nicht um. Und das verdammte Haus bleibt hinter euch zurück. Ihr geht den Fluss hinauf, und euer eigenes Fieber fließt euch entgegen, es fließt an euch vorbei. Gleich lässt sein Drängen nach. Und in demselben Augenblick bist du nicht mehr bereit, ihr werdet scheuer. Das ist die Ebbe, die die See von allen Küsten wegzieht. Sogar die Flüsse sinken zur Zeit der Ebbe. Und drüben auf der anderen Seite lösen die Wipfel endlich die Krone ab. Weiße Schindeldächer schlafen darunter.

Gib Acht, jetzt beginnt er bald von der Zukunft zu reden, von den vielen Kindern und vom langen Leben, und seine Wangen brennen vor Eifer. Sie zünden auch die deinen an. Ihr werdet streiten, ob ihr Söhne oder Töchter wollt, und du willst lieber Söhne. Und er wollte sein Dach lieber mit Ziegeln decken, und du willst lieber - - aber da seid ihr den Fluss schon viel zu weit hinauf gegangen. Der Schrecken packt euch. Die Schindeldächer auf der anderen Seite sind verschwunden, da drüben sind nur mehr Auen und feuchte Wiesen. Und hier? Gebt auf den Weg acht! Es dämmert – so nüchtern, wie es nur am Morgen dämmert. Die Zukunft ist vorbei. Die Zukunft ist ein Weg am Fluss, der in die Auen mündet. Geht zurück!

Was soll jetzt werden?

Drei Tage später wagt er nicht mehr, den Arm um deine Schultern zu legen. Wieder drei Tage später fragt er dich, wie du heißt, und du fragst ihn. Nun wisst ihr voneinander nicht einmal mehr die Namen. Und ihr fragt auch nicht mehr. Es ist schöner so. Seid ihr nicht zum Geheimnis geworden?

Jetzt geht ihr wieder schweigsam nebeneinander her. Wenn er dich jetzt noch etwas fragt, so fragt er, ob es regnen wird. Wer kann das wissen? Ihr werdet immer fremder. Von der Zukunft habt ihr schon lange zu reden aufgehört. Ihr seht euch nur mehr selten, aber noch immer seid ihr einander nicht fremd genug. Wartet, seid geduldig. Eines Tages wird es so weit sein. Eines Tages ist er dir so fremd, dass du ihn auf einer finsteren Gasse von einem offenen Tor zu lieben beginnst. Alles will seine Zeit. Jetzt ist sie da.

„Es dauert nicht mehr lang“, sagen die hinter dir, „es geht zu Ende!“

Was wissen die? Beginnt nicht jetzt erst alles?

Ein Tag wird kommen, da siehst du ihn zum ersten Mal, das heißt: Nie wieder. Aber erschreckt nicht! Ihr müsst nicht voneinander Abschied nehmen, das habt ihr längst getan. Wie gut es ist, dass ihr es schon getan habt!

Es wird ein Herbsttag sein, voller Erwartung darauf, dass alle Früchte wieder Blüten werden, wie er schon ist, der Herbst, mit diesem hellen Rauch und mit den Schatten, die wie Splitter zwischen den Schritten liegen, dass du die Füße daran zerschneiden könntest, dass du darüber fällst, wenn du um Äpfel auf den Markt geschickt bist, du fällst vor Hoffnung und vor Fröhlichkeit. Ein junger Mann kommt dir zu Hilfe. Er hat die Jacke nur lose umgeworfen und lächelt und dreht die Mütze und weiß kein Wort zu sagen. Aber ihr seid sehr fröhlich in diesem letzten Licht. Du dankst ihm und wirfst ein wenig den Kopf zurück, und da lösen sich die aufgesteckten Zöpfe und fallen herab. „Ach“, sagt er, „gehst du nicht noch zur Schule?“ Er dreht sich um und geht und pfeift ein Lied. So trennt ihr euch, ohne einander nur noch einmal anzuschauen, ganz ohne Schmerz und ohne zu wissen, dass ihr euch trennt.

Jetzt darfst du wieder mit den kleinen Brüdern spielen, und du darfst mit ihnen den Fluss entlang gehen, den Weg am Fluss unter den Erlen , und drüben sind die weißen Schindeldächer wie immer zwischen den Wipfeln. Was bringt die Zukunft? Keine Söhne. Brüder hat sie dir gebracht, Zöpfe, um sie tanzen zu lassen, Bälle, um zu fliegen. Sei ihr nicht böse, es ist das Beste, was sie hat. Die Schule kann beginnen.

Noch bist du zu wenig groß, noch musst du auf dem Schulhof während der großen Pause in Reihen gehen und flüstern und erröten und durch die Finger lachen. Aber warte noch ein Jahr, und du darfst wieder über die Schnüre springen und nach den Zweigen haschen, die über die Mauer hängen. Die fremden Sprachen hast du schon gelernt, doch so leicht bleibt es nicht. Deine eigene Sprache ist viel schwerer. Noch schwerer wird es sein, lesen und schreiben zu lernen, doch am schwersten ist es, alles zu vergessen. Und wenn du bei der ersten Prüfung alles wissen musstest, so darfst du doch am Ende nichts mehr wissen. Wirst du das bestehen? Wirst du still genug sein? Wenn du genug Furcht hast, um den Mund nicht aufzutun, wird alles gut.

Du hängst den blauen Hut, den alle Schulkinder tragen, wieder an den Nagel und verlässt die Schule. Es ist wieder Herbst. Die Blüten sind lange schon zu Knospen geworden, die Knospen zu nichts und nichts wieder zu Früchten. Überall gehen kleine Kinder nach Hause, die ihre Prüfung bestanden haben, wie du. Ihr alle wisst nichts mehr. Du gehst nach Hause, dein Vater erwartet dich, und die kleinen Brüder schreien so laut sie können und zerren an deinem Haar. Du bringst sie zur Ruhe und tröstest deinen Vater. Bald kommt der Sommer mit den langen Tagen. Bald stirbt deine Mutter. Du und dein Vater, ihr beide holt sie vom Friedhof ab. Drei Tage liegt sie noch zwischen den knisternden Kerzen, wie damals du. Blast alle Kerzen aus, eh sie erwacht! Aber sie riecht das Wachs und hebt sich auf die Arme und klagt leise über die Verschwendung. Dann steht sie auf und wechselt ihre Kleider.

Es ist gut, dass deine Mutter gestorben ist, denn länger hättest du es mit den kleinen Brüdern allein nicht machen können. Doch jetzt ist sie da. Jetzt besorgt sie alles und lehrt dich auch das Spielen noch viel besser, man kann es nie genug gut können. Es ist keine leichte Kunst. Aber das schwerste ist es noch immer nicht.

Das schwerste bleibt es doch, das Sprechen zu vergessen und das Gehen zu lernen, hilflos zu stammeln und auf dem Boden zu kriechen, um zuletzt in Windeln gewickelt zu werden. Das schwerste bleibt es, alle Zärtlichkeiten zu ertragen und nur mehr zu schauen. Sei geduldig! Bald ist alles gut. Gott weiß den Tag, an dem du schwach genug bist.

Es ist der Tag deiner Geburt. Du kommst zur Welt und schlägst die Augen auf und schließt sie wieder vor dem starken Licht. Das Licht wärmt dir die Glieder, du regst dich in der Sonne, du bist da, du lebst. Dein Vater beugt sich über dich.

„Es ist zu Ende –„ sagen die hinter dir, „sie ist tot!“

Still! Lass sie reden!

 

Fragen und Aufgaben zum Text:

I.

1.Formulieren Sie das Thema der Kurzgeschichte.

2.Versuchen Sie den symbolischen Titel des Textes zu deuten.

3. Zu welcher literarischen Richtung kann man den vorliegenden Text rechnen?

4. Was wissen Sie vom Existentialismus in der Philosophie und Literatur?

5. Geht es hier um die Gefährdung des Individuums in einer unsicheren Welt? .

6. Bestimmen Sie die Problematik der Geschichte.

7. Erklären Sie das Pathos der „Spiegelgeschichte“ anhand der Sätze:

„Dein Grab steht offen“, „keiner will Zeuge sein“, „Was bringt die Zukunft?“

8. Charakterisieren Sie den Aufbau des Sujets und dessen Elemente.

9. Welche Rolle spielt der Kunstgriff der Montage beim Aufbau des Sujets?

10. Ist der Handlungsverlauf in der Geschichte linear oder retrospektiv aufgebaut?

11. Wie sind in diesem Werk die Zeit- und Raumverhältnisse dargestellt? . 12. In welchem Verhältnis stehen in der Geschichte die Erzählzeit und erzählte Zeit? 13. Ist der Kunstgriff der Retrospektive eine gelungene Erfindung der Erzählerin?

14. Wie wirkt das Erzähltempo in dem Text: als Zeitraffung, Zeitdehnung oder irgendwie anders?.

15. Äußern Sie sich zu der Erzählhaltung im Text.

16. Was können sie von der Erzählerfigur und ihrer Identität sagen?

17. Wodurch charakterisiert sich die Erzählform in der Geschichte? 18. Welcherart Erzählperspektive verwendet die Autorin in ihrem Text? 19. Wie lässt sich das Figurensystem und die Personenkonstellation im Werk charakterisieren? Etwa mittels der Psychologisierung, der Porträts oder der Sprachporträts?

20. Was können Sie von dem Charakter der Darstellungsarten (Darbietungsformen) in der Geschichte sagen? 21. In welchem Verhältnis stehen im Text die Autoren- und Figurensprache zueinander?

22. Nennen sie die wichtigsten Arten der Rededarstellung im Text.

23. Welche Art der Rededarstellung überwiegt in diesem Text?

II.

1. Nennen Sie die Schlüsselwörter im Text.

2. Bestiimen Sie den Satzbau, die Satzlänge und die Wortwahl der Geschichte aus stilistischer Sicht. 3. 3. Welche Rolle spielen in diesem Text die zahlreichen Inversionen, Absonderungen, Ausklammerungen, verschiedenartige Aufzählungen und Wiederholungen?

4. Worauf basiert die ungewöhnliche Bildkraft des vorliegenden Textes? Etwa auf den Tropen?

5. Führen Sie die bildkräftigsten und ausdrucksstärksten Metaphern und ihre Abarten aus dem Text an und bestimmen Sie deren Funktionen. 6. Was symbolisieren die konkreten Wörter „der Spiegel“, „die See“, „der Fluss“?

7. Beeindrucken Sie folgende Vergleiche: „Schatten, die wie Splitter zwischen den Schritten liegen“, „Atem – rasselnd wie eine Ankerkette“, „Boote wie Fragen an der Grenze eures Blicks“?

8. Wie können Sie die Epitheta in folgenden Beispielen bewerten:“die weißen Boote“, „der blinde Spiegel“, „das verdammte Haus“, „die verdammte Gründlichkeit“, „das grüne Licht“, „der grüne Himmel“?

 

Äußern Sie sich zu der Aussage von Hilde Spiel:

 

„Das Bild der österreichischen Dichtung ist vielfacettiert wie ein zersplitterter Spiegel“.

 

Wo ich wohne

 

Ich wohne seit gestern einen Stock tiefer. Ich will es nicht laut sagen, aber ich wohne tiefer. Ich will es deshalb nicht laut sagen, weil ich nicht übersiedelt bin. Ich kam gestern abends aus dem Konzert nach Hause, wie gewöhnlich Samstag abends, und ging die Treppe hinauf, nachdem ich vorher das Tor aufgesperrt und den Lichtknopf gedrückt hatte. Ich ging ahnungslos die Treppe hinauf – der Lift ist seit dem Krieg nicht im Betrieb-, und als ich im dritten Stock angelangt war, dachte ich: „Ich wollte, ich wäre schon hier!“ und lehnte mich für einen Augenblick an die Wand neben der Lifttür.

Gewöhnlich überfällt mich im dritten Stock eine Art von Erschöpfung, die manchmal so weit führt, dass ich denke, ich müsste schon vier Treppen gegangen sein. Aber das dachte ich diesmal nicht, ich wusste, dass ich noch ein Stockwerk über mir hatte. Ich öffnete deshalb die Augen wieder, um die letzte Treppe hinauf zu gehen, und sah in demselben Augenblick ein Namensschild an der Tür links vom Lift. Hatte ich mich doch geirrt und war schon vier Treppen gegangen? Ich wollte auf die Tafel schauen, die das Stockwerk bezeichnete, aber gerade da ging das Licht aus.

Da der Lichtknopf auf der anderen Seite des Flurs ist, ging ich die zwei Schritte bis zu meiner Tür im Dunkeln und sperrte auf. Bis zu meiner Tür? Aber welche Tür sollte es denn sein, wenn mein Name daran stand? Ich musste eben doch schon vier Treppen gegangen sein.

Die Tür öffnete sich auch gleich ohne Widerstand, ich fand den Schalter und stand in dem erleuchteten Vorzimmer, in meinem Vorzimmer, und alles war wie sonst: die roten Tapeten, die ich längst hatte wechseln wollen, und die Bank, die daran gerückt war, und links der Gang zur Küche. Alles war wie sonst. In der Küche lag das Brot, das ich zum Abendessen nicht mehr gegessen hatte, noch in der Brotdose. Es war alles unverändert. Ich schnitt ein Stück Brot ab und begann zu essen, erinnerte mich aber plötzlich, dass ich die Tür zum Flur nicht geschlossen hatte, als ich hereingekommen war, und ging ins Vorzimmer zurück, um sie zu schließen.

Dabei sah ich in dem Licht, das aus dem Vorzimmer auf den Flur fiel, die Tafel, die das Stockwerk bezeichnete. Dort stand: Dritter Stock. Ich lief hinaus, drückte auf den Lichtknopf und las es noch einmal. Dann las ich die Namensschilder auf den übrigen Türen. Es waren die Namen der Leute, die bisher unter mir gewohnt hatten. Ich wollte dann die Stiegen hinaufgehen, um mich zu überzeugen, wer nun neben den Leuten wohnte, die bisher neben mir gewohnt hatten, ob nun wirklich der Arzt, der bisher unter mir gewohnt hatte, über mir wohnte, fühlte mich aber plötzlich so schwach, dass ich zu Bett gehen musste.

Seither liege ich wach und denke darüber nach, was morgen werden soll. Von Zeit zu Zeit bin immer noch verlockt, aufzustehen und hinaufzugehen und mir Gewissheit zu verschaffen. Aber ich fühle mich zu schwach, und es könnte auch sein, dass von dem Licht im Flur da oben einer erwachte und herauskäme und mich fragte: „Was suchen Sie hier?“ Und diese Frage, von einem meiner bisherigen Nachbarn gestellt, fürchte ich so sehr, dass ich lieber liegen bleibe, obwohl ich weiß, dass es bei Tageslicht noch schwerer sein wird, hinaufzugehen.

Nebenan höre ich die Atemzüge des Studenten, der bei mir wohnt; er ist Schiffsbaustudent, und er atmet tief und gleichmäßig. Er hat keine Ahnung von dem, was geschehen ist. Er hat keine Ahnung, und ich liege hier wach. Ich frage mich, ob ich ihn morgen fragen werde. Er geht wenig aus, und wahrscheinlich ist er zu Hause gewesen, während ich im Konzert war. Er müsste es wissen. Vielleicht frage ich auch die Aufräumefrau.

Nein. Ich werde es nicht tun. Wie sollte ich denn jemanden fragen, der mich nicht fragt? Wie sollte ich auf ihn zugehen und ihm sagen: „Wissen Sie vielleicht, ob ich nicht gestern noch eine Treppe höher wohnte?“ Und was soll er darauf sagen? Meine Hoffnung bleibt, dass mich jemand fragen wird, dass mich morgen jemand fragen wird: “Verzeihen Sie, aber wohnten Sie nicht gestern noch einen Stock höher?“ Aber wie ich meine Aufräumefrau kenne, wird sie nicht fragen. Oder einer meiner früheren Nachbarn: „Wohnten Sie nicht gestern noch neben uns?“ Oder einer meiner neuen Nachbarn. Aber wie ich sie kenne, werden sie alle nicht fragen. Und dann bleibt mir nichts übrig als so zu tun, als hätte ich mein Leben lang schon einen Stock tiefer gewohnt.

Ich frage mich, was geschehen wäre, wenn ich das Konzert gelassen hätte. Aber diese Frage ist von heute an ebenso müßig geworden wie alle anderen Fragen. Ich will einzuschlafen versuchen.

 

Ich wohne jetzt im Keller. Es hat den Vorteil, dass meine Aufräumefrau sich nicht mehr um die Kohlen hinunter bemühen muss, wir haben sie nebenan, und sie scheint ganz zufrieden damit. Ich habe sie im Verdacht, dass sie deshalb nicht fragt, weil es ihr so angenehmer ist. Mit dem Aufräumen hat sie es niemals allzu genau genommen; hier erst recht nicht. Es wäre lächerlich, von ihr zu verlangen, dass sie den Kohlenstaub stündlich von den Möbeln fegt. Sie ist zufrieden, ich sehe es ihr an. Und der Student läuft täglich pfeifend die Kellertreppe hinauf und kommt abends wieder. Nachts höre ich ihn tief und regelmäßig atmen. Ich wollte, er brächte eines Tages ein Mädchen mit, dem es auffällig erschiene, dass er im Keller wohnt, aber er bringt kein Mädchen mit.

Und auch sonst fragt niemand. Die Kohlenmänner, die ihre Lasten mit lautem Gepolter links und rechts in den Kellern abladen, ziehen die Mütze und grüßen, wenn ich ihnen auf der Treppe begegne. Oft nehmen sie die Säcke ab und bleiben stehen, bis ich an ihnen vorbei bin. Auch der Hausbesorger grüßt freundlich, wenn er mich sieht, ehe ich zum Tor hinausgehe. Ich dachte zuerst einen Augenblick lang, dass er freundlicher grüße als bisher, aber es war eine Einbildung. Es erscheint einem manches freundlicher, wenn man aus dem Keller steigt.

Auf der Straße bleibe ich stehen und reinige meinen Mantel vom Kohlenstaub, aber es bleibt nur wenig daran haften. Es ist auch mein Wintermantel, und er ist dunkel. In der Straßenbahn überrascht es mich, dass der Schaffner mich behandelt wie die übrigen Fahrgäste und niemand von mir abrückt. Ich frage mich, wie es sein soll, wenn ich im Kanal wohnen werde. Denn ich mache mich langsam mit diesem Gedanken vertraut.

Seit ich im Keller wohne, gehe ich auch an manchen Abenden wieder ins Konzert. Meist samstags, aber auch öfter unter der Woche. Ich konnte es schließlich auch dadurch, dass ich nicht ging, nicht hindern, dass ich eines Tages im Keller war. Ich wundere mich jetzt manchmal über meine Selbstvorwürfe, über all die Dinge, mit denen ich diesen Abstieg zu Beginn in Beziehung brachte. Zu Beginn dachte ich immer: „Wäre ich nur nicht ins Konzert gegangen oder hinüber auf ein Glas Wein!“ Das denke ich jetzt nicht mehr. Seit ich im Keller bin, bin ich ganz beruhigt und gehe um Wein, sobald ich danach Lust habe. Es wäre sinnlos, die Dämpfe im Kanal zu fürchten, denn dann müsste ich ja ebenso das Feuer im Inneren der Erde zu fürchten beginnen – es gibt zu vieles, wovor ich Furcht haben müsste. Und selbst wenn ich immer zu Hause bliebe und keinen Schritt mehr auf die Gasse täte, würde ich eines Tages im Kanal sein.

Ich frage mich nur, was meine Aufräumefrau dazu sagen wird. Es würde sie jedenfalls auch des Lüftens entheben. Und der Student stiege pfeifend durch die Kanalluken hinauf und wieder hinunter. Ich frage mich auch, wie es dann mit dem Konzert sein soll und mit dem Glas Wein. Und wenn es dem Studenten gerade dann einfiele, ein Mädchen mitzubringen? Ich frage mich, ob meine Zimmer auch im Kanal noch dieselben sein werden? Bisher sind sie es, aber im Kanal hört das Haus auf. Und ich kann mir nicht denken, dass die Einteilung in Zimmer und Küche und Salon und Zimmer des Studenten bis ins Erdinnere geht.

Aber bisher ist unverändert. Die rote Wandbespannung und die Truhe davor, der Gang zur Küche, jedes Bild an der Wand, die alten Klubsessel und die Bücherregale – jedes Buch darinnen. Draußen die Brotdose und die Vorhänge an den Fenstern.

Die Fenster allerdings, die Fenster sind verändert. Aber um diese Zeit hielt ich mich meistens in der Küche auf, und das Küchenfenster ging seit jeher auf den Flur. Es war immer vergittert. Ich habe keinen Grund, deshalb zum Hausbesorger zu gehen, und noch weniger wegen des veränderten Blicks. Er könnte mir mit Recht sagen, dass ein Blick nicht zur Wohnung gehöre, die Miete beziehe sich auf die Größe, aber nicht auf den Blick. Er könnte mir sagen, dass mein Blick meine Sache sei.

Und ich gehe auch nicht zu ihm, ich bin froh, solange er freundlich ist. Das einzige, was ich einwenden könnte, wäre vielleicht, dass die Fenster um die Hälfte kleiner sind. Aber da könnte er mir wiederum entgegnen, dass es im Keller nicht anders möglich sei. Und darauf wüsste ich keine Antwort. Ich könnte ja nicht sagen, dass ich es nicht gewohnt bin, weil ich noch vor kurzem im vierten Stock gewohnt habe. Da hätte ich mich schon im dritten Stock beschweren müssen. Jetzt ist es zu spät.

 

Fragen und Aufgaben zum Text:

I.

1. Wird in dem Text etwa die Frage nach dem Zentrum des Ichs gestellt?

2. Soll man die Kurzgeschichte als verrätselte Parabel verstehen?

3. Oder drückt sie den inneren Wunsch nach Veränderung?

4. Wird in der Geschichte der Mensch als Spielball geheimnisvoller Kräfte aufgefasst?

5. Was soll der Abstieg eine Treppe runter bedeuten? Abstieg auf Grund freiwilliger Unterwerfung? Anpassung? Oder soll er den Verlust des Bodens unter den Füßen zum Ausdruck bringen??

6. Welche Rolle spielt im vorliegenden Text das Motiv der Entfremdung? 7. Soll das Motiv der Einsamkeit die Lebenssituation vieler Menschen veranschaulichen?

8. Ist Ihrer Meinung nach die Geschichte etwa ein Versuch das Irrationale zu rationalisieren?

9. Kann man das Thema der Erzählung als individuelle Selbstlüge und kollektive Verdrängung formulieren?

10. Wie ist der Text strukturiert? 11. Bedeuten die zwei Erzählabschnitte („Stock“ – „Keller“) etwa einen räumlichen Sprung ins Ungewisse?

12. Wie meinen Sie, warum hat der Beginn der Erzählung („Ich wohne seit gestern einen Stock tiefer.“) so einen unvermittelten Charakter?

13. Versuchen Sie die Eigenheiten der Struktur des ersten Teils zu verstehen.

14. Was soll der Rückblick („Ich kam gestern abends aus dem Konzert nach Hause“ bedeuten? Etwa eine Entdeckung vom vergangenen Abend?

15. War das kein Irrtum, sondern unheimliche Realität? Und zugleich ein Höhepunkt?

16. Soll der Wechsel zurück ins Präsens („Seither liege ich wach und denke darüber nach, was morgen werden soll.“) zeitliche und schicksalhafte Wende bedeuten?

17. Worin bestehen die Besonderheiten der Struktur des zweiten Teils:

18. Verstehen Sie die zeitliche und räumliche Veränderung als neue Erzählgegenwart: „Ich wohne jetzt im Keller.“

19. Wie war die Reaktion der Mitmenschen auf die Veränderung (Aufräumefrau, Student als Untermieter, Kohlenmänner, Hausbesorger, Fahrgäste, Schaffner)? Hatten sie das nicht erwartet?.

20. Greift die Verfasserin zur Vorblende(Vorgriff, Vorausschau), wenn sie die Zukunft ausmalt, wenn die Wohnung „im Kanal“ liegt. 21. Erscheint am Ende die Situation als unveränderbar? 22. Und daher die Resignation der Hauptfigur („Jetzt ist es zu spät“)? Und offener Schluss?

23. Welcherart Erzählverhalten überwiegt im Text?_

24. Welche Erzählform liegt im Text vor? 25. In welchem Verhältnis stehen hier die Erzählzeit und die erzählte Zeit? 26. Verwendet die Autorin die Rückschau und den Vorausblick als erzähltechnische Kunstgriffe?

27. Welche Darstellungsarten sind im Text verwendet? Welche Darstellungsart ist überwiegend?

28. Welche Arten der Rededarstellung kommen in der Erzählung zum Einsatz?

29. Welchen Eindruck macht auf Sie der in der Frageform dargebotene innere Monolog („Hatte ich mich doch geirrt und war schon vier Treppen gegangen?)?

30. Analysieren Sie das Figurensystem der Erzählung 31. Auf welchem Wege erfolgt die Charakteristik der Figuren in dem Werk? In Form von Selbstporträt und Selbstgespräch? Oder irgendwie anders? Durch Angabe von kulturellen Interessen der Hauptfigur, deren seelischer Beklemmungen, Schwächen,







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