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II.27. Thomas Bernhard (1931—1989)



Wurde im Jahre 1931 in Holland imKloster Heerlen bei Maastricht geboren, wo seine Mutter Herta Bernhard als Dienstbotin arbeitete. Sein Grioßvater mütterlicherseits war der Schriftsteller Johannes Freumbichler. Sein Vater Alois Zuckerstätter, den der Sohn nie kennengelernt hatte, war Tischler von Beruf. Seine Kindheit verbrachte Thomas Bernhard bei seinen Wiener Großeltern.Es waren die glücklichsen Jahre seines Lebens. Er wuchs teils in Wien, teils in Seekirchen am Wallersee auf, später im bayrischen Traunstein.Seine weiteren Lebensstationen waren:nationalsozialistisches Erziehungsheim im thüringischen Saalfeld (1941), NS-Internat „Johanneum“ in Salzburg(1943), wo der Junge erstmals Violinunterricht bekam. „Das Johanneum“ wurde 1945 „katholisch“. Der nächste Wohnort war ein Salburger Stadtteil. Seit Januar 1949 litt der Junge an Lungentuberkulose, die in verschiedenen Sanatorien behandelt wurde. Seine Kinheit und Jugend verarbeitete er später in seinen Werken : „Die Ursache“, „Der Keller“, „Der Atem“, Die Kälte“ und „Ein Kind“. In seinem erwachsenen Leben war Thomas Berhard zuerst Handlungsgehilfe, später Gerichtsberichterstatter, dann wirkte er als freier Schriftsteller in Österreich. Mit dem Roman „Frost“(1963) begann eigentlich seine literarische Laufbahn, Seine ersten Werke erschienen aber bereits 1950. Es waren dies mehrere Kurzgeschichten, die er unter einem Pseudonym veröffentlichte. Im Laufe der fünfziger Jahre erschienen im Druck mehrere Lyrikbände: „Auf der Erde und auf der Hölle“(1957), „In hora mortis“ (1958) und „Unter dem Eisen des Mondes“(1958). Die sechziger Jahre waren Jahre intensivster Arbeit. Unter den Werken dieses Jahrzehnts ragen folgende heraus: der obenan schon erwähnte Roman „Frost“, „Verstörung“, „Ungenach“ und „Der Hurmacher“.

Die siebziger Jahre beginnen mit der Veröffentlichung des „Kalkwerks“ (1970). Im nächsten Jahr kommt „Midland in Stilfs“ heraus. Dann folgen drei Theaterstücke: „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ (1972), „Die Jagdgesellschaft“ (1974), und „Die Macht der Gewohnheit“ (1974). Im nächsten Jahr erscheinen im Druck „Die Ursache. Eine Andeutung“, „Korrektur“, „Der Präsident“. 1976 wird „Der Keller“ und „Die Berühmten“ herausgebracht. Und als letzte Werke der siebziger Jahre kommen die Theaterstücke „Der Weltverbesserer“ und „Vor dem Ruhestand. Eine Komödie von deutscher Seele“ heraus.

1981 erscheinen im Druck der schon erwähnte Roman „Die Kälte. Eine Isolation“ und zwei Theaterstücke „Über allen Gipfeln ist Ruh“ und „Am Ziel“. 1982 erscheinen „ein Kind“ und „Beton“ und im nächsten Jahr „Der Untergeher“ und dasTheaterstück „Der Schein trügt“. Aber damit enden die achtziger Jahre nicht.Das Jahr 1984 bringt den Roman „Holzfällen. Eine Erregung“ und das Theaterstück „Der Theatermacher“. Im Jahre 1986 wartet der Schriftsteller mit dem Roman „Auslöschung. Ein Zerfall“ und mit dem Theaterstück „Einfach kompliziert“ auf. 1988 erscheint das Stück „Heldenplatz“ und der Roman „Der Atem. Eine Entscheidung“.

Die angeführten Veröffentlichungen von Thomas Bernhard zeigen ungewühnliche schriftstellerische Fruchtbarkeit dieses Autors. Großen Einfluss nahmen auf ihn sein Großvater, der ihm viele Philosophen der Vergangenheit nahegebracht hatte, und Hedwig Staviancek, die der kranke angehende Schriftsteller in einer Lungenheilstätte kennenlernte. Manche behaupten, sie sei für ihn zum Mutterersatz geworden. Den Tod dieser Frau verarbeitete der Schriftsteller später in seinem Band „Alte Meister“ (1985).

Die Welt erscheint in den Werken des Schrifstellers als „Hölle“, deren Bewohner Einzelgänger, Selbstmörder, Kranke, Verrückte oder Philosophen sind.Ihr Leben ist stetes Leiden, das mit dem Tod endet.Der Autor und seine Helden sehen sogar den Sinn des Lebens im Tod. Der Tod sei die Antwort auf alle Fragen. Das ist Ausdruck eines existentiellen Nihilismu,.wenn man alle menschlichen Anstrengungen als umsonst ansieht. Im Roman „Verstörung“ stehen die Worte:“Wenn wir ein Ziel haben, so scheint mir, ist es der Tod“. Und im Theaterstück „Heldenplatz“ steht der Satz: „Das Aus ist das Ziel“. Haupttendenzen seines Schaffens werden bereits in seiner Dankrede anlässlich des Österreichischen Staatsspreises im Jahre 1967 ganz deutlich sichtbar: „Es ist nichts zu loben, nichts zu verdammen, nichts anzuklagen, aber es vieles lächerlich;

es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt… Der Staat ist ein Gebilde, das fortwährend zum Scheitern, das Volk ein solches, das ununterbrochen zur Infamie und zur Geistesschwäche verurteilt ist. Das Leben Hoffnungslosigkeit, an die sich die Philosophen anlehnen, in welcher letzten Endes alles verrückt werden muss…Mittel zum Zwecke des Niedergangs, Geschöpfe der Agonie, erklärt sich uns alles, verstehen wir nichts… Wir brauchen uns nicht zu schämen, aber wir sind auch nichts und verdienen nichts als das Chaos“.

Viele Biographen des Schriftstellers unterstreichen seinen ambivalenten Charakter, der zugleich düster und fröhlich sein konnte. Seine Helden leben mit der Hoffnung auf den frühzeitigen Tod und sogar mit den Selbstmordgedanken. Viele, die Thomas Berhard kannten, verwiesen häufig auf seinen schwierigen Charakter. Gleichzeitig nannten ihn aber viele einen bescheidenen und zurückhaltenden Menschen, der auch umgänglich sein konnte.

Viele epische Werke von Thomas Bernhard sind zum Großteil oder zur Gänze aus Monologen des Ich-Erzählers und einem fingierten Zuhörer konstruiert. So ist die Komposition seines Romans „Auslöschung“. In diesen Texten sind häufig die „Geistesmenschen“ der „stumpfsinnigen Masse“ gegenübergestellt. Sie unternehmen Ausfälle gegen den österreichischen Staat und dessen Institutionen und sogar gegen das berühmte Burgtheater.

Stilistische Lieblingsmittel des Schriftstellers sind die Technik der Steigerung und Übertreibung sowie die kunstvolle Wiederholungstechnik mit leichten Variationen.. Dies erinnere, behaupten manche Literaturwissenschaftler, an die Kompositionsmethoden der Barochmusik. Gleichzeitig warnen sie die Leser, in den Protagonisten seiner Texte nur den Autor selbst zu sehen. Und da muss man ihnen zustimmen.

Alle Literaturforscher unterstreichen Bernhards sprachliche Virtuosität und Eleganz, sie loben seinen Humor und gelegentlich sogar seine komplizierten verschachtelten und trotzdem leicht verständlichen Sätze mit ihrer melodischen Wirkung.

Bemerkenswert ist auch die Erzählhaltung des Autors gegenüber dem Darstellungsgegenstand, zum Beispiel gegenüber der „besseren Gesellschaft“ Wiens und Salzburgs. Die Kritik wird ätzend und sehr scharf. Hier überwiegen finstere Töne, dank denen Österreich als Land der Spießer erscheint.

Seine provokanten Texte lösten nicht selten Skandale aus.Das betrifft vor allem seinen Roman „Holzfällen“ und das Drama „Heldenplatz“. Man forderte sogar Aufführungsverbote und Ausbürgerung des Schriftstellers. Man beschimpfte ihn als „Vaterlandsverräter“ und „Nestbeschmutzer“. Der Schriftsteller ersann aber gleichsam eine Vergeltung für diese „Schreier“, indem er in seinem Testament das Aufführungs- und Publikationsverbot aller seiner Werke in den Grenzen Österreichs beschloss.

Der Text „Eine Entziehung“ ist dem Roman des Schriftstellers „Der Keller“ entnommen.

 

Eine Entziehung

 

Einmal, vor drei, vier Jahren, hat mich auf dem sogenannten Staatsbrückenkopf vor dem Rathausbogen, wo auch heute noch ein berühmtes Schirmgeschäft ist und daneben ein nicht weniger berühmter Juwelier seinen Laden hat, eine Männerstimme angerufen, und ich drehte mich um, und der gerufen hatte, sah ich, war ein an einen gerade stillstehenden Presslufthammer gelehnter etwa fünfzigjähriger Mann gewesen mit nacktem Oberkörper und mit über die blaue Schlosserhose hängendem Bauch, schwitzend, vollkommen zahnlos, mit nunmehr noch wenigen Haaren auf dem Kopf, aber mit stechenden Augen, dass er ein Säufer gewesen war, hatte ich sofort gesehen, während sein etwa gleichaltriger Kollege, im Gegensatz zu ihm, ein magerer, hochaufgeschossener Kerl mit einer speckigen Segeltuchschildmütze auf dem Kopf, weiterarbeitete, er schaufelte offensichtlich die von dem Dicken mit dem Presslufthammer aus dem Boden gebrochenen und geschlagenen Gesteinstrümmer auf einen Haufen zusammen, die beiden hatten nach städtischen Gas- oder Wasserleitungen im Zuge des Staatsbrückenumbaues gegraben, ich schaute in das Gesicht des Dicken, der mich offensichtlich erkannt hatte, aber ich hatte ihn nicht erkannt; ich war stehengeblieben in dem vormittägigen Menschentrubel und konnte mich nicht an den Mann erinnern, aber er erinnerte sich an mich, aber ich konnte mir nicht erklären, von woher ich den Mann kannte. Andererseits war mir klar, dass ich das Gesicht schon einmal gesehen habe, aber das muss weit zurückliegen, habe ich gedacht und: der Mann irrt sich nicht. Er ist mir zuvorgekommen:ich hätte ihm sehr oft die Raumflasche seiner Mutter ausgefüllt im Laden des Karl Podlaha in der Scherzhauserfeldsiedlung, er sei es gewesen, dem ich einmal aus dem Kasten im Nebenzimmer des Geschäfts ein Verbandszeug gegeben und um seinen auf unserer Geschäftstreppe verletzten Kopf gewickelt habe. An diesen Vorfall erinnerte ich mich nicht, aber an den Jüngling, der der Mann vor fünfundzwanzig Jahren gewesen war, erinnerte ich mich jetzt sofort. Ich sei, sagte er, damals noch so klein gewesen, dass ich nur mit Mühe über die Ladenbudel hatte schauen können. Er übertrieb, aber er hatte alles im Grunde richtig beobachtet gehabt. Es war, als erinnerte er sich gern an diese Zeit, die seine Jugend gewesen war, wie ich mich jetzt, bei dieser Gelegenheit, gern an diese Zeit meiner Jugend erinnerte, und wir hatten uns, stillschweigend, wortlos, in ein paar Augenblicken dieser Jugendzeit erinnert. Er wusste nichts von mir, ich wusste nichts von ihm, mitten unter den vielen Menschen am Vormittag auf dem Staatsbrückenkopf stellten wir zusammen fest, dass wir eine gemeinsame Jugend in der Scherzhauserfeldsiedlung gehabt haben, und dass wir übelebt haben, jeder auf seine Weise. Dass wir, jeder auf seine Weise, mit der ungeheueren Mühseligkeit eines jeden Alterns fünfundzwanzig Jahre älter geworden sind. Der Mann mit dem Presslufthammer hatte mir plötzlich, nachdem ich sie jahrelang vergessen gehabt hatte, die Scherzhauserfeldsiedlung gezeigt, den Schandfleck einer Stadt, die immer nur zu den niedrigsten Arbeiten Leute aus diesem Schandfleck in ihre Mitte hineingezogen und hineingelassen hat. Auch heute, habe ich gedacht, verrichten die Leute aus der Scherzhauserfeldsiedlung die niedrigsten Arbeiten in dieser Stadt, und die an ihnen Vorübergehenden denken sich nichts dabei. Was aus dem Podlaha geworden ist, mit ihm geschehen sei, wollte er wissen, aber ich wusste darüber nichts. Er erkundigte sich nach dem Gehilfen Herbert und nach dem Lehrling Karl. Ich sagte, der Herbert habe sich selbständig gemacht, eine Kaffeerösterei aufgemacht in der Ernest-Thun-Straße, und der Karl sei in die Fremdenlegion, aber schon vor vielen Jahren wieder zurückgekommen. Er sei mehrere Male im Gefängnis gewesen, wie ich weiß, was mir die Frau, die über unserem Geschäft ihre Wohnung hatte, gesagt hat. Er sei der gewesen, der auch im Winter barfuß gegangen sei, sagte er, Sommer und Winter, das ganze Jahr. Ich erinnerte mich nicht. Als er sagte, er habe mir manchmal, in schweren Zeiten, beim Erdäpfelabladen geholfen, erinnerte ich mich an ihn, er war oft auf dem Sportplatz gewesen, allein mit dem Hund seines Onkels, dem er kleine Holzstücke gegen die Sportplatzmitte geworfen hat, stundenlang, um sich die Zeit zu vertreiben. Er nannte mehrere Namen, und alle diese Namen waren mir bekannt, es waren tagtäglich gesagte und gerufene Namen von Kunden im Geschäft, ich hatte sie fünfundzwanzig Jahre nicht mehr gehört. Von den einen und anderen sagte er, sie seien gestorben, auf natürliche oder unnatürliche Weise. Er habe eine Schwester gehabt, die sei mit einem Amerikaner nach Amerika, nach New York, dort sei sie elendig zugrunde gegangen. Ob ich mich an seine Schwester erinnern könnte, ein bildschönes Mädchen. Den Podlaha habe er gefürchtet, der habe ihn einmal beim Diebstahl von ein paar Äpfeln ertappt. Er habe ihm nicht nur die Äpfel gestohlen, sagte er. Die heutigen jungen Leute hätten keine Ahnung, wie schwierig damals alles gewesen sei. Wenn man ihnen eine Andeutung machte über den Krieg und die Nachkriegszeit und über die Nazis und über die Amerikaner, alles zusammen die Hölle selbst, verstünden sie nichts. Seiner Mutter habe er jahrelang den Rum in der Flasche bei uns im Keller geholt, um ihn ihr ans Bett zu bringen, in welchem sie elendig zugrunde gegangen sei. Aber sie habe ein so gutes Herz gehabt, dass sie, buchstäblich nur noch als Skelett, mit ihrem Krebs ein Jahr lang existiert und außer Rum und in den Rum getunkten Semmeln nichts mehr zu sich genommen habe. Sie sei eine religiöse Frau gewesen, aber im Leben nie in die Kirche gegangen. Gottesfürchtig, aber nicht katholisch, sagte er. Darauf wollte er wissen, was ich jetzt machte. Schreiben, sagte ich, damit konnte er nichts anfangen, und er konnte sich darunter auch nichts vorstellen, und er bohrte nicht länger mit dieser Frage. Ob ich eine Zigarette hätte. Ich verneinte. Der Podlaha habe ihm imponiert, einerseits habe er ihn gefürchtet, andererseits habe er ihm imponiert, weil er ein so gutes Geschäft machte. Die Wiener seien immer die klügeren Köpfe gewesen. Auch er verachtete, wie alle Provinzler, die Wiener. In einem gewissen Sinn, sagte er, ohne zu sagen, was er darunter verstand, und es war darunter auch gar nichts zu verstehen, sei er mit seiner Lage zufrieden, sei sie auch noch so beschissen. In seinem Alter sei einem alles gleichgültig, man hänge am Leben, aber egal sei es auch, wenn es vorbei sei. Egal, das war es. Das ist eine Altersfrage. Egal. Auch mir war zu diesem Zeitpunkt alles egal. Ein schönes, ein klares, ein kurzes, einprägsames Wort: egal. Wir verstanden uns. Er meinte, ich solle mit ihm zu Mittag was essen gehen, und ich machte einen Umweg und ging mit ihm essen, in den Sternbräugarten hinein auf ein Bier, Wurst und Brot. Er habe sich unter seinem Leben etwas anderes vorgestellt, als er dann tatsächlich habe leben müssen, meinte er, nicht mit diesen Worten, aber dem Sinn nach. Mir war es nicht anders ergangen. Die Scherzhauserfeldsiedlung und in ihrem Mittelpunkt der Karl Podlaha waren auferstanden. Wir hatten uns an vieles erinnert. Servus und es ist alles egal, hatte er zum Abschluss gesagt, als ob ich das gesagt hätte. Mein besonderes Kennzeichen heute ist die Gleichgültigkeit, und es ist das Bewusstsein der Gleichwertigkeit alles dessen, das jemals gewesen ist und das ist und das sein wird. Es gibt keine hohen und höheren und höchsten Werte, das hat sich alles erledigt. Die Menschen sind, wie sie sind, und sie sind nicht zu ändern, wie die Gegenstände, die die Menschen gemacht haben und die sie machen und die sie machen werden. Die Natur kennt keine Wertunterschiede. Es sind immer wieder nur Menschen mit allen ihren Schwächen und mit ihrem körperlichen und seelischen Schmutz an jedem neuen Tag. Es ist gleich, ob einer mit seinem Presslufthammer oder an seiner Schreibmaschine verzweifelt. Nur die Theorien verstümmeln, was doch so klar ist, die Philosophen und die Wissenschaftler insgesamt, die sich der Klarheit in den Weg stellen mit ihren unbrauchbaren Erkenntnissen. Es ist beinahe alles durchlaufen, was jetzt noch kommt, überrascht nicht, weil alle Möglichkeiten bedacht sind. Der soviel falsch gemacht hat und irritiert hat und gestört und zerstört hat und vernichtet hat und sich abgequält hat und studiert hat und sich oft erledigt hat und halb umgebracht hat und geirrt hat und geniert und wieder nicht geniert hat, wird sich in Zukunft irren und vieles falsch machen und wird irritieren und stören und zerstören und vernichten und sich abquälen und studieren und sich erledigen und halb umbringen und alles das fortsetzen, bis zum Ende. Aber es ist letzten Endes alles egal. Die Karten werden aufgeschlagen, nach und nach. Die Idee ist gewesen, der Existenz auf die Spur zu kommen, der eigenen wie den anderen. Wir erkennen uns in jedem Menschen, gleich, wer er ist, und sind zu jedem dieser Menschen verurteilt, solange wir existieren. Wir sind alle diese Existenzen und Existierenden zusammen und sind auf der Suche nach uns und finden uns doch nicht, so inständig wir uns darum bemühen. Wir haben von Aufrichtigkeit und von Klarheit geträumt, aber es ist beim Träumen geblieben. Wir haben oft aufgegeben und wieder angefangen, und wir werden noch oft aufgeben und wieder anfangen. Aber es ist alles egal. Der Mann aus der Scherzhauserfeldsiedlung mit seinem Presslufthammer hat mir mein Stichwort gegeben, dass alles egal ist. Es ist das Wesen der Natur, dass alles egal ist. Servus und es ist alles egal, seine Worte höre ich immer wieder, seine Worte, obwohl die seinigen auch die meinigen sind und obwohl ich selbst sehr oft gesagt habe Servus und es ist alles egal. Aber es musste zu diesem Zeitpunkt gesagt werden. Ich hatte es schon vergessen. Wir sind zu einem Leben verurteilt, und das heißt lebenslänglich, für ein oder für viele Verbrechen, wer weiß?, die wir nicht begangen haben oder die wir wieder begehen, für andere nach uns. Wir haben uns selber nicht aufgerufen, wir waren auf einmal da und im Augenblick auch schon verantwortlich gemacht. Wir sind widerstandsfähig geworden, uns kann nichts mehr umwerfen, wir hängen nicht mehr am Leben, aber wir verschleudern es auch nicht zu billig, hatte ich sagen wollen, aber ich hatte das nicht gesagt. Manchmal erheben wir alle unseren Kopf und glauben, die Wahrheit oder die scheinbare Wahrheit sagen zu müssen, und ziehen ihn wieder ein. Das ist alles.

 

Aufgaben zum Text:

I.

1. Versuchen Sie den Titel des Textes zu deuten?

2. Bestimmen Sie die Motivation des Erzählers.

3. Was bezweckt der Autor mit solchen Gestaltungsmitteln wie Porträt, Charakteristik, Figurensprache und Detail?

4. Äußern Sie sich zu den Elementen des Absurden und des Existentialismus im Text.

5. Finden Sie die Pointe im Text.

6. Deuten Sie das Leitmotiv des Textes.

7. Formulieren Sie die Konstanten der Komposition.

8. Welche Rolle spielen in diesem Auszug Zeit und Raum?

9. Charakterisieren Sie das Figurensystem im vorliegenden Text.

10. Welches Pathos und Lebensgefühl offenbaren sich im Auszug?

II.

1. Kann man den Sprachbau eines Literaturwerks als die dritte Ebene der künstlerischen Form auffassen? 2. Was können Sie von der Syntax, der Satzstruktur und Satzlänge im vorliegenden Text sagen? Welchen Eindruck machen sie auf Sie? 3. Was bezweckt der Autor mit der Veränderung der Schriftzeichen?

4. Bestimmen Sie die Funktionen von Aufzählungen und Wiederholungen im Text.

5. Was bezweckt der Autor durch die Verwendung der Metaphern und anderen Stilmittel im vorliegenden Auszug aus dem Roman?

 

 

II.28. Peter Handke (1942)

Der Name Handke ist eigentlich der Name seines Stiefvaters, eines Stra-enbahnfahrers und Wehrmachtssoldaten, den die Mutter, eine geborene Sivec, vor der Geburt des Sohnes heiratete. Von der Existenz seines leiblichen Vaters, des deutschen Bankangestellten Erich Schönemann, erfuhr Peter Handke als Volljähriger kurz vor seiner Matura. Jetzt, im Jahre 2009, ist er bereits 67 Jahre alt und kann auf ein ziemlich ereignisreiches Leben zurückschauen. Er wurde 1942 in Griffen/Kärnten in Österreich geboren, empfing da die katholische Taufe. Zwei Jahre später kam er mit seiner Mutter nach Berlin, das er erst am 24. Juli 1948 verlassen musste, um in die Geburtsstadt Griffen in Österreich zurüchzukehren.

Von nun an wechselten seine Wohn- und Aufenthaltsorte immer wieder. Seine Familienverhältnisse in Griffen waren ärmlich, nicht von ungefähr wird er sich später einen „Kleinhäuslersohn“ nennen. Der sechsjährige Junge mit berlinischem Dialekt konnte nicht so einfach mit seinen Spielkameraden Kontakt herstellen, die nur einheimischen Dialekt sprachen. In Griffen besuchte er ab September 1948 zunächst die Volksschule, später die Griffener „Hauptschule für Knaben und Mädchen“, in der er zwei Jahre lernte.. 1954 kam er auf das Priesterseminar „Marianum“ in Maria Saal und das katholisch-humanistische Gymnasiums Tanzenberg. Seine schulischen leistungen waren seht gut.

In der Internatszeit 1954—1959 in Tanzenberg macht der Zwölfjährige seine ersten Versuche zu schreiben. Sein Schulprofessor Dr. Musar, der bei ihm Deutsch und Englisch unterrichtete, beeinflusste weitgehend seine schriftstellerischen Interessen. Mitte des Schuljahres 1959 beschloss der Siebzehnjärige die Schule zu wechseln. Er besuchte fortan das humanistische Gymnasium in Klagenfurt, wohin er jeden Morgen mit dem Bus fahren musste. Hier in Klagenfurt nahm er an Literaturwettbewerben teil und veröffentlichte manches in der Kärntner Volkszeitung. 1966 wird er mit seinem Schulstudium fertig und erlangt die Matura mit Auszeichnung.

1916 bis 1964 studiert Peter Handke Jura in Graz. Auch an der Universität waren seine Studienergebnisse erfolgreich. Das Stipendium, das er bekam, reichte nicht, und er musste zusätzlich arbeiten: er erteilte Nachhilfeunterricht in Griechisch und war in einem Warenversandhaus tätig, wo er durch das Neonlicht Augenschmerzen bekam und nunmehr eine Brille mit dunklen Gläsern tragen musste.

Während der Studienzeit zeigte der junge Literat großes Interesse für die Filmkunst, er besuchte fast täglich das Kino. Von nun an wird er sich zum Filmkritiker entwickeln, wird später Drehbücher schreiben und sogar Regie führen und häufig als Mitglied von Filmjurys agieren.

Ab 1963 macht sich Peter Handke mit dem Leiter der Literatur- und Hörspielabteilung von Radio Graz bekannt. Nunmehr beginnt er Kurztexte und Radiofeuilletons zu verschiedenenThemen zu schreiben. Darüber hinaus lernt er Alfred Kolleritsch kennen, der die Literaturzeitschrift „manuskripte“ herausgab, in der viele Texte Handkes veröffentlicht wurden. Im selben Jahr schließt er sich dem „Forum Stadtpark der Grazer Gruppe“ an. 1964 beginnt er die Arbeit an seinem ersten Roman „Die Hornissen“ und stellt Kontakte mit deutschen Verlagen her. Das Jurastudium wird 1965 abgebrochen und Handke wird freier Schriftsteller.

Das Jahr 1966 war für Peter Handke das Jahr des Durchsbruchs, nicht zuletzt dank des spektakulen Auftritts auf einer Tagung der „Gruppe 47“ in Princeton in den USA, wo er die „Beschreibungsimpotenz“ der Schrifsteller und die Schwächen der Literaturkritik sehr scharf angriff. Das Instrumentarium der letzteren sei ausgedient und die Engagiertheit der ersteren sei läppisch und idiotisch. Es war eine richtige Schmährede, die Gelächter und Zwischenrufe erntete und im Großen und Ganzen unwiedersprochen blieb. Als Gegner der „engagierten Literatur“zeigt sich Peter Handke auch in späteren Jahren und vor allem in seinemPamphlet „Die Literatur ist romantisch“ (1967), wo er Sartres Definition des literarischen Engagements zurückweist, weil Engagement angeblich materiell, Literatur hingegen formal bestimmt sei. Er erklärt sogar darin, dass das Engagement in Kunst und Literatur nichts zu suchen habe. Und trotzdem darf man nicht behaupten, dass der junge Schriftsteller für Ideologie und Politik überhaupt kein Interesse zeigte. Dass dem nicht so ist, beweist sein Text „Der Monopolsozialismus“, in dem er niederschreibt, dass das ökonomische Modell des Marxismus als dass einzige noch mögliche Modell eines halbwegs annehmlichen Ordnung anzusehen sei. Allerdings akzeptierte er den marxismus als Bewegung, als Philosophie, als Handlungsantrieb und verneinte den Marxismus als Statik, als Politikund als „so oft schändlichen und schändlich erstarrten Staat“.

Im Jahr des Durchbruchs 1966 erscheint nicht nur der Erstlingsroman „Die Hornisse“, sondern auch die Sprechstücke „Publikumsbeschimpfung“, „Der Jasager und der Neinsager“ sowie „Weissagung“ und „Selbstbezichtigung“. Die Stücke verhalfen ihm zum Ruf des literarischen „Enfante terrible“ und zu einer Art Popstar. Der vierundzwanzigjährige Peter Handke heiratet die Schauspielerin Libgart Schwarz und zieht mit ihr nach Düsseldorf, wo er bis 1968 lebt. Hier in Düsseldorf entstehen sein Roman „Der Hausierer“ und das Sprechstück „Kaspar“. 1968 ziehen die jungen Eheleute nach Berlin, wo die Tochter Amina geboren wird. Die Geburt der Tochter bedeutete totale Umstellung im Leben des Schrifstellers, was aus der „Kindergeschichte“ (1981) erichtlich ist. Zwei Jahre später zieht das Ehepaar nach Paris, wo sie nur noch zwei Jahre bleiben.

Die Ehe scheitert aber bald, obgleich sie erst 1994 geschieden wird. Im Herbst 1970 übersiedeln sie aber vorher nach Kronberg im Taunus, wo sie sich ein Haus gekauft hatten.

1971 begeht Handkes Mutter Maria Selbstmord. Dieses Ereignis wurde vom Schrifsteller in der Erzählung „Wuschloses Unglck“ verarbeitet, die später verfilmt wurde. Im Jahre 1971 besuchte er vor dem Tode seiner Mutter die USA. Diese Reise fand ihre Widerspiegeling im Prosatext „Der kurze Brief zum langen Abschied“.

Ab 1971 bis 1978 lebt der Schriftsteller wieder in Paris zusammen mit seiner Tochter Amina.. In den sibziger Jahren erhält er 1972 den Schiller-Preis und 1973 den Georg-Büchner-Preis. 1974 wird in Zürich sein Theaterstück „Die Unvernünftigen sterben aus“uraufgeführt, und 1975 verfilmt sein Freund Wim Wenders seinen Text „Falsche Bewegung“.

In Frankreich wurde Handke als Schriftsteller vor allem dank seines Stückes „Der Ritt über den Bodensee“ bekannt. Ab 1977 bis 1990 schreibt er Jornal-Aufzeichnungen unter dem Titel „Das Gewicht der Welt“. Ein Jahr zuvor entsteht die 1977 verfilmte „Linkshändige Frau“. Trotz seines Pariser Aufenthalts verliert der Schriftsteller nicht die Verbindung mit seiner österreichischen Heimat, von 1973 bis 1977 ist er Mitglied der „Grazer Autorenversammlung“.

!978 unternimmt Handke eine große Reise nach Alaska, im August 1979 kehrt er in die Heimat zurück und lässt sich in Salzburg nieder. In Östereich bleibt er diesmal bis 1987. Nahezu 9 Jahre bleibt er zu Hause. Zunächst arbeitet er an seiner Tetralogie „Langsame Heimkehr“. Der erste Teil dieser Serie hat den gleichen Namen. Der zweite Teil heißt „Die Lehre der Sainte-Victoire“ (1980), der dritte Teil „Über die Dörfer“ (1981) und der vierte „Kindergeschichte“ (1981). Die Arbeit an der Tetralogie half dem Schriftsteller die Krise zu überwinden, die er in den siebziger Jahren durchmachte.

Ab Anfang der achtziger Jahre wendet sich der Schriftsteller der Übersetzertätigkeit zu. Er übetrsetzte aus vielen Sprachen , die er kannte. Die Autoren, die er übersetzte, waren wenig bekannt. Und dies tat der Übersetzer absichtlich. Er wollte ihre Bekanntheit fördern.

Der fruchtbare und allseitige Schrifsteller Peter Handke schrieb in den achtziger jahren nicht nur die obenan erwähnteTetralogie, sondern auch viele andere Texte in verschiedenen Genres. 1982-83 schreibt er die Mordsgeschichte „Der Chinese des Schmerzes“. 1986 erscheint „Die Wiederholung“, ein Roman über die Slowenen in Kärnten und deren Geschichte. 1987 arbeitet er zusammen mit dem Regisseur Wim Wenders am Drehbuch „Der Himmel über Berlin“. Das Werk bekam viele Auszeichnungen in Europa.

1987 triit Peter Handke eine dreijährige Reise an. Er besuchte während dieser Reise praktisch alle Kontinente und sehr viele wichtige Orte. Die unternommenen Fahrten waren nicht nur ereignisreich, sondern auch äußerst fruchtbar in schriftstellerischer Hinsicht. Der Reisende fasste seine Aufzeichnungen im Buch „Gestern unterwegs. Aufzeichnungen November 1987 bis Juli 1990“ zusammen.

Ab 1990 lebt der österreichische Schriftsteller Peter Handke in Frankreich, wo er in Chaville, südwestlich von Paris ein Haus erworben hatte. Gleich nach der Rückkehr von der Weltreise lernte Handke die französische Schauspielerin Sophie Semin kennen. Kurz darauf bekommen sie eine gemeinsame Tochter. Die Heirat findet aber erst im Herbst 1995 statt, nach der Scheidung von seiner ersten Frau Libgart Schwarz.

Chaville ist der dritte Wohnort von Peter Handke in Paris. Sein Haus hier soll der Lebensmittelpunkt des Schriftstellers geworden sein. Die Anzahl der schriftstellerischen Publikationen der neunziger und späteren Jahre lässt sich nicht so einfach überblicken. Sie ist immens. Die schöpferische Fruchtbarkeit des Siebenundsechzigjährigen Peter Handke scheint überhaupt nicht nachlassen zu wollen. 2008 erschien die Erzählung „Die morawische Nacht“, sie gilt als eines der besten Bücher im deutschsprachigen Sprachraum.

Der schon viele Jahre im Ausland lebende Österreicher bekundet seit seiner Weltreise großes Interesse für politische Ereignisse unserer Zeit, vor allem für die Prozesse in der balkanischen Region. 1996 wird sein Reisebericht „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Moravwa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ veröffentlicht, der in den westlichen Medien heftige Kontroversen auslöste. Der Standpunkt des Autors dieses Reiseberichts ist grundsätzlich anders als der der meisten offiziellen Massenmedien des Westens, die bekanntlich Serbien Kriegsverbrechen und Völkermord vorwerfen. 2004 besucht er sogar Slobodan Milosevic im Gefängnis in den Haag und 2006 hält er auf der Beerdigung des jugoslavischen Ex-Präsidenten eine Rede. Bekannt ist auch sein Essay „Die Tablas von Daimiel“, wo all diese Probleme angeschnitten werden. Bemerkenswert ist auch die Position von Peter Handke in der Frage nach der Verleihung des „Heinrich-Heine-Preises“, den ihm die Schauspieler des „Berliner Ensembles“ zuerkannten. Er bedankte sich bei ihnen dafür, riet ihnen aber die Geldsumme an serbische Dörfer in Kosovo zu spenden. Er übergab auch andere Preissummen für Serben in Kosovo, und diese Tat des Schriftstellers sagt sehr viel.

Den Schaffensweg des Schriftstellers überblickend kann man nicht umhin Wandlungen darauf zu bemerken. In seinem Frühwerk machen sich typisch modernistische Merkmale deutlich. Literatur ist für ihn gleichwie für Thomas Bernhard eine der Möglichkeiten über die Sprache zu sprechen. Ihrer Ansicht nach fungiere sie als ein Meta-Medium. Der junge Handke überträgt das Prinzip der Meta-Sprache auf alle literarischen Formen, Genres und Schemata. Derartige Literarisierung ist vor allem für seine Frühwerke bis Anfang der achtziger Jahre kennzeichnend. In den späteren Werken erfährt seine Erzählweise erhebliche Wandlungen, sie ist eher mit der Analyse menschlicher Verhaltensweisen in Situationen verbunden, wo verschiedene Entscheidungsmöglichkeiten offengelassen werden.

Der folgende Text ist dem Band „Publikumsbeschimpfung und andere Sprechstücke“ entnommen.

 

Sie sind willkommen

 

Sie sind willkommen.

Dieses Stück ist eine Vorrede.

 

Sie werden hier nichts hören, was sie nicht schon gehört

haben. Sie werden hier nichts sehen, was Sie nicht schon

gesehen haben. Sie werden hier nichts von dem sehen, was Sie

hier immer gesehen haben. Sie werden hier nichts von dem

hören, was Sie hier immer gehört haben.

 

Sie werden hören, was Sie sonst gesehen haben.

Sie werden hören, was Sie hier sonst nicht gesehen haben.

Sie werden kein Schauspiel sehen.

Ihre Schaulust wird nicht befriedigt werden.

Sie werden kein Spiel sehen.

Hier wird nicht gespielt werden.

Sie werden ein Schauspiel ohne Bilder sehen.

 

Sie haben sich etwas erwartet.

Sie haben sich vielleicht etwas anderes erwartet.

Sie haben sich Gegenstände erwartet.

Sie haben sich keine Gegenstände erwartet.

Sie haben sich eine Atmosphäre erwartet.

Sie haben sich eine andere Welt erwartet.

Sie haben sich keine andere Welt erwartet.

Jedenfalls haben Sie sich etwas erwartet.

Allenfalls haben Sie sich das erwartet, was Sie hier hören.

Aber auch in diesem Fall haben Sie sich etwas anderes

erwartet.

 

Sie sitzen in Reihen. Sie bilden ein Muster. Sie sitzen in einer

gewissen Ordnung. Ihre Gesichter zeigen in eine gewisse

Richtung. Sie sitzen im gleichen Abstand voneinander. Sie

sind ein Auditorium. Sie bilden eine Einheit. Sie sind eine

Zuhörerschaft, die sich im Zuschauerraum befindet. Ihre

Gedanken sind frei. Sie machen sich noch Ihre eigenen

Gedanken. Sie sehen uns sprechen und Sie hören uns spre-

chen. Ihre Atemzüge werden einander ähnlich. Ihre Atem-

züge passen sich den Atemzügen an, mit denen wir sprechen.

Sie atmen, wie wir sprechen. Wir und Sie bilden allmählich

eine Einheit.

 

Sie denken nichts. Sie denken an nichts. Sie denken mit, Sie

denken nicht mit. Sie sind unbefangen. Ihre Gedanken sind

frei. Indem wir das sagen, schleichen wir uns in ihre Gedan-

ken. Sie haben Hintergedanken. Indem wir das sagen, schlei-

chen wir uns in Ihre Hintergedanken. Sie denken mit. Sie

hören. Sie vollziehen nach. Sie vollziehen nicht nach. Sie

denken nicht. Ihre Gedanken sind nicht frei. Sie sind be-

fangen.

 

Sie schauen uns an, wenn wir mit ihnen sprechen. Sie

schauen uns nicht zu. Sie schauen uns an. Sie werden ange-

schaut. Sie sind ungeschützt. Sie haben nicht mehr von dem Vor-

teil derer, die aus dem Dunkeln ins Licht schauen. Wir haben

nicht mehr den Nachteil derer, die vom Licht in das Dunkle

schauen. Sie schauen nicht zu. Sie schauen an und Sie werden

angeschaut. Auf diese Weise bilden wir und Sie allmählich

eine Einheit. Statt Sie können wir unter gewissen Vorausset-

zungen auch wir sagen. Wir befinden uns unter einem Dach.

Wir sind eine geschlossene Gesellschaft.

 

Sie hören uns nicht zu. Sie hören uns an. Sie sind nicht mehr

die Lauscher hinter der Wand. Wir sprechen offen zu Ihnen.

Unsere Gespräche gehen nicht mehr im rechten Winkel zu

ihren Blicken. Unsere Gespräche werden von Ihren Blicken

nicht mehr geschnitten. Unsere Worte und Ihre Blicke bilden

keinen Winkel mehr miteinander. Sie werden nicht missach-

tet. Sie werden nicht als bloße Zwischenrufer behandelt. Sie

brauchen sich über kein Geschehen hier aus der Perspektive

von Fröschen und Vögeln ein Urteil zu bilden. Sie brauchen

nicht Schiedsrichter zu spielen. Sie werden nicht mehr als

eine Zuschauerschaft behandelt, an die wir uns zwischen-

durch wenden können. Das ist kein Spiel. Hier gibt es kein

Zwischendurch. Hier gibt es kein Geschehen, das sie anspre-

chen soll. Das ist kein Spiel. Wir treten aus keinem Spiel

heraus, um uns an sie zu wenden. Wir haben keine Illusionen

nötig, um Sie desillusionieren zu können. Wir zeigen Ihnen

nichts. Wir spielen keine Schicksale. Wir spielen keine

Träume. Das ist kein Tatsachenbericht. Das ist keine Doku-

mentation. Das ist kein Ausschnitt der Wirklichkeit. Wir

erzählen Ihnen nichts. Wir handeln nicht. Wir spielen Ihnen . keine Handlung vor. Wir stellen nichts dar. Wir machen

Ihnen nichts vor. Wir sprechen nur. Wir spielen, indem wir Sie ansprechen. Wenn wir sagen, können wir auch Sie

Meinen. Wir stellen nicht Ihre Situation dar. In uns können

Sie nicht sich selber erkennen. Wir spielen keine Situation.

Sie brauchen sich nicht betroffen zu fühlen. Sie können sich

Nicht betroffen fühlen. Ihnen wird kein Spiegel vorgehalten.

Sie sind nicht gemeint. Sie sind angesprochen. Sie werden

angesprochen. Sie werden angesprochen werden. Sie werden , . sich langweilen, wenn Sie nicht angesprochen sein wollen.

 

Sie leben nicht mit. Sie gehen nicht mit. Sie vollziehen nichts

nach. Sie erleben hier keine Intrigen. Sie erleben nichts. Sie

stellen sich nichts vor. Sie brauchen sich nichts vorzustellen.

Sie brauchen keine Voraussetzung. Sie brauchen nicht zu

wissen, dass dies hier eine Bühne ist. Sie brauchen keine

Erwartung. Sie brauchen sich nicht erwartungsvoll zurückzu- lehnen. Sie brauchen nicht zu wissen, dass hier nur gespielt wird. Wir machen keine Geschichten. Sie verfolgen kein Geschehen.. Sie spielen nicht mit. Hier wird Ihnen mitgespielt.

Das ist ein Wortspiel.

 

Ihnen wird nichts vorgespielt. Sie sehen keine Wände, die

wackeln. Sie hören nicht das falsche Geräusch einer ins

Schloss fallenden Tür. Sie hören kein Sofa knarren. Sie sehen

keine Erscheinungen. Sie haben keine Gesichte. Sie sehen

kein Bild von etwas. Sie sehen auch nicht die Andeutung eines

Bildes. Sie sehen keine Bilderrätsel. Sie sehen auch kein

leeres Bild. Die Leere dieser Bühne ist kein Bild von einer

anderen Leere. Die Leere dieser Bühne bedeutet nichts.

Diese Bühne ist leer, weil Gegenstände uns im Weg wären. Sie

ist leer, weil wir keine Gegenstände brauchen. Diese Bühne

Stellt nichts dar. Sie stellt keine andere Leere dar. Die Bühne ist leer. Sie sehen keine Gegenstände, die andere Gegen- stände vortäuschen.. sie sehen keine Dunkelheit, die eine andere Dunkelheit vortäuscht. Sie sehen keine Helligkeit, die eine andere Helligkeit vortäuscht. Sie sehen kein Licht, das

ein anderes Licht vortäuscht. Sie hören keine Geräusche, die andere Geräusche vortäuschen. Sie sehen keinen Raum, der

einen anderen Raum vortäuscht.. Sie erleben hier keine Zeit,

die eine andere Zeit bedeutet. Hier auf der Bühne ist die Zeit

keine andre als die bei Ihnen. Wir haben die gleiche Ortszeit.

Wir befinden uns an den gleichen Orten. Wir atmen die

Gleiche Luft. Wir sind im gleichen Raum. Hier ist keine

andere Welt als bei Ihnen. Die Rampe ist keine Grenze. Sie ist

nicht nur manchmal keine Grenze. Sie ist keine Grenze die

ganze Zeit, während wir zu Ihnen sprechen. Hier ist kein

unsichtbarer Kreis. Hier ist kein Zauberkreis. Hier ist kein Spielraum: Wir spielen nicht. Wir sind alle im selben Raum.

Die Grenze ist nicht durchbrochen, sie ist nicht durchlässig,

sie ist gar nicht vorhanden. Zwischen Ihnen und uns ist kein

Strahlungsgürtel. Wir sind keine selbstbeweglichen Requisi-

ten. Wir sind nicht die Bilder von etwas. Wir sind keine Darsteller. Wir stellen nichts dar. Wir stellen nichts vor. Wir

tragen keine Decknamen. Unser Herzschlag bedeutet keinen

anderen Herzschlag. Unsere markerschütternden Schreie

bedeuten keine anderen markerschütternden Schreie. Wir

treten nicht aus den Rollen heraus. Wir haben keine Rollen.

Wir sind wir. Wir sind das Sprachrohr des Autors. Sie können

sich kein Bild von uns zu machen. Sie brauchen sich kein Bild

von uns zu machen. Wir sind wir. Unsere Meinung braucht

sich mit der des Autors nicht zu decken.

 

 

Aufgaben zum Text:

I.

1. Nehmen Sie Stellung zu Peter Handkes Darstellungsmethode.

2. Wie könnte man seine Schreibweise bezeichnen? Ist sie kritisch-realistisch, modernistisch oder postmodernistisch?

3. Nehmen sie Stellung zum Inhalt, zur Thematik und Ideenwelt dieses Textes.

4. Analysieren Sie jeden Teil des dargebotenen Textes als selbständige Einheit.

5. Analysieren Sie alle Bestandteile des Textes in ihrer Gesamtheit als eine Einheit.

II.

1. Äußern Sie sich zu den Besonderheiten des Stils des Dichters.

2. Welche Satzstrukturen bevorzugt der Autor?

3. Was kann man von der Wortwahl im Text sagen?

4. Gibt es hier viele Berufsjargonismen?

5. Wozu verwendet sie der Autor, was bezweckt er damit?

6. Welche Stilmittel verwendet der Schriftsteller in diesem Text noch?

 

 







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