ТОП 10:

Die Sage von Dr. Faust, dem Teufel und dem Studenten



Der Tanz mit dem Tod

Ranjid wußte genau, was er tat, als er die giftige Hauptdarstellerin aus dem Korb ließ. Seit zwei Jahren führte er den Tanz mit der Schwarzen Kobra auf einem kleinen Marktplatz in einer Indischen Kleinstadt auf. Sehr viel Geld war damit nicht zu verdienen, aber es reichte um ihn und seine Familie über Wasser zu halten. Gelernt hatte er sein gefährliches Handwerk von seinem Vater. Die Kobra, die er für seine Auftritte benutzte, hatte er eigenhändig im Dschungel gefangen. Sie verfügte noch über ihre langen Giftzähne und auch ihr Vorrat an Gift war nach wie vor immer groß. Viele seiner Kollegen arbeiteten mit präparierten Schlangen. Sie ließen die Giftdrüsen der Kobra entfernen. Aber Ranjid wollte einen ehrlichen Auftritt. Wenn er seinen Zuschauern erzählte, wie gefährlich seine Schlange ist, wollte er nicht lügen. Hin und wieder kam es bei solchen Auftritten zu gefährlichen Zwischenfällen, die manchmal mit dem Tod eines Schlangenbeschwörers endeten.

Während sich alle Familienmitglieder an der Beschaffung des nötigen Lebensunterhaltes beteiligten, so war Ranjid´s Bruder doch alles andere als fleißig. Erst gestern hatte Selim sich mit seinem Bruder ein heftiges Wortgefecht geliefert. Dafür sollte dieser nun endgültig bezahlen. Von einem Busch im Dschungel schnitt er ein paar Blätter ab und trocknete sie in der Sonne. Als sie trocken waren, zerrieb er sie zu einem feinen Staub. Dieser Staub hatte die Eigenschaft, bei Berührung mit der Haut fürchterlich zu brennen. Heimlich schüttete er das Pulver in den Schlangenkorb, den sein Bruder für seine Auftritte verwendete. Am nächsten Tag nahm das Unheil seinen lauf. Ranjid hatte die gut zwei Meter lange Kobra in den Korb getan und war auf dem Weg zu dem kleinen Marktplatz um seinen Auftritt vorzubereiten. Als sich bereits eine kleine Menschenmenge um ihn versammelt hatte, begann er auf seiner Flöte zu spielen und öffnete den Korb. Die eine Stunde in dem Korb hatte ausgereicht, um aus der sonst ruhigen Schlange eine wütende unberechenbare Bestie zu machen. Das geschundene Tier stürzte aus dem Korb und fing an um sich zu beißen. Da alle Besucher einen respektvollen Abstand hielten, blieb für ihre Angriffe nur ein Ziel. Sie erwischte Ranjid an seinem Ellenbogen. Sofort eilten andere Schlangenbeschwörer zur Hilfe. Während einer die wütende Schlange einfing, legte der andere einen Druckverband an. Sofort machten sich Verwandte und Freunde daran einen Wagen zu besorgen. Nach ein paar Minuten hatten sie einen alten Jeep von einem Gemüsehändler geliehen. Ranjid´s Bruder mimte den entsetzten Verwandten und bot sich als Fahrer an. Ranjid und ein befreundeter Schlangenbeschwörer stiegen ein und sie fuhren los. Zum Glück hatte die Regenzeit noch nicht eingesetzt und die Straßen waren recht gut befahrbar. Ranjid blieb im Krankenhaus und wurde noch rechtzeitig behandelt. Selim und der befreundete Schlangenbeschwörer machten sich auf den Rückweg. Da setzte starker Wind ein. Ein herabstürzender Ast zwang sie zu einer Vollbremsung. Sie stiegen aus, um das Hindernis zu beseitigen. Als sie nach einiger Zeit den Weg frei hatten und wieder einsteigen wollten, rutschte Selim aus und schlug mit dem Kopf auf die Trittleiste der Fahrertür. Er blieb bewusstlos am Boden liegen. Sein Beifahrer verband ihm notdürftig die stark blutende Wunde, legte ihn in den Wagen und fuhr eilig in das kleine Dorf. Während sich Ranjid langsam erholte, wurde sein Bruder in dem kleinen Dorf versorgt. Von seinem komplizierten Schädelbruch erholte er sich allerdings nicht mehr, er starb in ein paar Stunden. Nach einer Woche wollte Ranjid wieder anfangen zu arbeiten. Er packte wie immer die Kobra in den Schlangenkorb und machte sich auf den Weg…


Traum oder nicht?

Leise schlich ein Schatten um das Haus, doch niemand bemerkte ihn. Zum Glück, denn er gehörte zu einer kleinen Fee, die hier war, um der jungen Frau, die hier wohnte, einen Traum zu schicken, eine Vision. Es war eine seltsame Vision. Sie sah einen kleinen Jungen von vielleicht 6 Jahren ganz in Weiß gekleidet an einem Fluss stehen, der Junge blickte traurig und ging immer näher an den Fluss. Bis er fast hinein rutschte. Dann fasste ihn eine Hand, eine schlanke Hand, die zu einem kleinen Mädchen gehören schien. Seltsam, dachte sie, es war, als hätte sie es schon einmal gesehen.

Am nächsten Tag dachte sie nur noch kurz an den Traum und verdrängte ihn dann. Bis sie einige Stunden später auf einen Mann stieß, der an einer Brücke lehnte. Er kam ihr seltsam bekannt vor, bis sie merkte, dass er dieselben Augen hatte, wie der Junge aus ihrem Traum. Deshalb ging sie zu ihm, stellte sich neben ihn und betrachtete den Fluss. Auf einmal begann er zu sprechen. „Ich war vor vielen Jahren schon einmal an diesem Fluss“. Sie sah ihn erstaunt an und erwiderte: „Ich weiß. Ich habe es gesehen. Sie waren noch sehr jung, nicht wahr?“ „Ja“, sagte er, diesmal war er überrascht. „Du kannst mich ruhig duzen... Aber wie willst du mich gesehen haben? Da warst du doch noch nicht einmal geboren“. „Ja, ich sah es im Traum, heute Nacht. Wer war das Mädchen, das Sie festgehalten hat?“ „Ich weiß es nicht, ich war nicht bei Bewusstsein. Ich spürte nur eine Hand und fand mich dann in meinem Zimmer wieder, aber ich würde dem Mädchen sehr gerne für seine Tat danken, wenn ich doch nur wüsste, wer es war…“ „Wenn du willst, können wir es herausfinden!“, erklärte sie sich bereit, „mein Name ist übrigens Kim“. „Ich weiß. Ich bin Klaus“. Sie verabredeten sich für den nächsten Tag in der Bibliothek. In der Nacht träumte Kim wieder etwas, dieses Mal sah sie, wie der Junge in den Fluss stürzte und ertrank. Plötzlich bemerkte sie, dass es gar nicht der Junge war, sondern ein kleines Mädchen. Seltsam, dachte sie, sie sieht aus, wie meine Großmutter. Doch am Morgen hatte sie den Traum bereits wieder vergessen. Nachmittags traf sie sich mit Klaus. Sie stöberten in Zeitungsberichten aus der Zeit und in Büchern der Stadt und auch in dem großen Buch, wo alle Geburts- und Todesdaten eingetragen waren. Doch auch hier fanden sie nichts. Klaus hatte nachgesehen, an welchem Tag es passiert war, denn es hatte im Tagebuch seiner Mutter gestanden. Genau heute vor 50 Jahren. Auf einer Seite in einem großen Buch fand sie ein Todesdatum von vor 100 Jahren. Und einen Namen. Der Name kam ihr seltsam vertraut vor, bis sie merkte, dass es die Schwester ihrer Oma gewesen sein musste, die hier gestorben war. 10.10.1905, genau vor 100 Jahren war das damals 6-jährige Mädchen ertrunken. In dem Fluss. Aber wessen Hand es war, hatten sie immer noch nicht herausgefunden. In der Nacht träumte Kim das ganze Mädchen. Aber nein, das war doch nicht möglich, es war die Schwester ihrer Großmutter. Sie wachte auf. Vor 100 Jahren war sie ertrunken. Vor 50 Jahren rettete sie Klaus und heute?? Oh nein! Sie machte sich sofort auf den Weg zur Brücke und als sie ankam, sah sie einen kleinen Jungen von ca. 6 Jahren immer weiter auf den Fluss zugehen. Sie lief zu ihm und erwischte ihn gerade noch bevor er hineinfallen konnte. Kurz darauf erschien der Geist des Mädchens und bedankte sich bei Kim, dafür, dass sie den Fluch gebrochen hatte und sie nun endlich ihren Frieden hatte. 2 Tage später berichtete sie das alles Klaus. Der freute sich, dass seine Retterin nun endlich erlöst war und löste sich selber auch in Luft auf… In diesem Moment erwachte Kim aus einem langen und tiefen Schlaf... sie wollte am Fluss spazieren gehen...


Unsere Freundschaft hält ewig

„Meli!“, rief ich und lief ihr mit ausgebreiteten Armen entgegen. Sie lief ebenfalls auf mich zu, ihre Arme in meine Richtung gestreckt. Als wir uns endlich erreicht hatten, nahmen wir uns in die Arme und drückten uns so fest wir konnten. Endlich. Ich hatte sie so vermisst. Früher waren wir so oft zusammen über diese Wiese gelaufen. Schon als wir noch kleine Kinder waren, war es „unsere Wiese“ gewesen. Wir waren auch damals schon beste Freundinnen gewesen und ich war mir sicher, unsere Freundschaft hält ewig. Ich war mir so sicher gewesen.

Aber vor ungefähr einem halben Jahr beschloss ich mich mal mit dem stillen Mädchen in unserer Klasse, sie hieß Esther, anzufreunden, weil sie bis zu dem Zeitpunkt noch keine richtigen Freunde hatte. Also lernten wir uns kennen und ich lud sie zu mir nach Hause ein. Ich fand sie richtig nett. Wir spielten beide Klavier und brachten uns gegenseitig Stücke bei. Wir redeten über Freundschaft, über unsere Träume und Wünsche. Ich wollte sie gerne als Freundin haben und sie mich. Aber dadurch, dass ich so viel Zeit mit Esther verbrachte, hatte ich natürlich kaum noch Zeit für Meli, die doch eigentlich meine beste Freundin war. Mit ihr hatte ich vorher alles gemacht. Wir saßen in der Schule nebeneinander, gingen zusammen zum Turnen, und in den Chor, samstags meistens auch noch auf den Markt. Wir telefonierten stundenlang miteinander jeden Tag. Und zusätzlich besuchten wir uns auch noch oft, gingen Eis essen, auf unserer Wiese spazieren oder Ähnliches. Aber jetzt hatte ich zu wenig Zeit für sie. Das machte sie wahrscheinlich traurig. Es kam mir vor, als wäre ich ihr egal - total egal. Ich wusste, dass ich selber Schuld war und wollte versuchen, es wieder gut zu machen. Aber Meli wollte nicht mehr. Sie hatte keine Zeit mehr für mich, so wie ich keine Zeit für sie gehabt hatte. Nach einer Weile musste eine Freundin von uns, Jasmin, ins Krankenhaus zu einer Operation. Ich machte mit Meli und ein paar anderen Freundinnen aus, dass ich im Krankenhaus anrufe und frage, ob man sie schon besuchen kann. Stattdessen ging ich aber alleine zu Jasmin ins Krankenhaus. Meli und meine anderen Freundinnen warteten darauf, dass ich anrufe und bescheid gebe, ob wir kommen könnten. Ich rief, als ich daheim war, gleich bei Meli an und erzählte ihr, dass ich schon bei Mine, so nennen wir Jasmin, im Krankenhaus war. Meli war total wütend auf mich, sie hätte auch Zeit gehabt und so. Dann hat sie aufgelegt und später ging sie nicht mehr ans Telefon. Ich erklärte es unseren anderen beiden Freundinnen, ich hätte Meli ja fragen können, aber ich wollte auch mal mit Mine allein sein und, wenn sie unbedingt zu Mine gehen wollte, hätte sie es ja auch tun können – ohne mich. Jedenfalls gingen wir Mine am nächsten Tag alle zusammen besuchen. Sie freute sich sehr. Aber Meli war immer noch total sauer auf mich. Und nach einer Weile redete sie überhaupt nicht mehr mit mir. Ich heulte jeden Abend im Bett, mir machte nichts mehr Spaß, ich wünschte mir sogar zu sterben, so sehr vermisste ich Meli und unsere Freundschaft. Ich hasste mich. Dann waren Ferien und Meli fuhr auf die Reise. Sie schrieb mir eine Karte, dass sie mich vermisste und sich sehr freuen würde, wenn wir uns an dem Tag, an dem sie wieder zurückkommt, auf „unserer Wiese“ treffen könnten. Ich freute mich riesig. Ich wartete schon seit dem frühen Morgen auf sie. Dann kam sie.

Jetzt ist alles fast wieder so wie es einmal war. Und eins steht fest: Meli ist und bleibt meine beste Freundin und daran wird sich nichts ändern, da kann kommen, wer und was will. Denn: Unsere Freundschaft hält ewig.


Waldspaziergang

Teil I

Eigentlich mochte Kurt es nicht, wenn jemand ihn bei seinen Spaziergängen begleitete. Der andere kam einfach auf diese Kreuzung des Waldweges zugelaufen, die etwa so aussah wie eine Wünschelrute. Aus zwei Wegen wurde plötzlich ein Weg. Kurt kam von der rechten Seite, der andere kam von links. Beide gingen etwa mit der gleichen Geschwindigkeit. Na ja, was tut man in so einer Situation? Beiden war klar, dass sie den einzelnen Weg weitergehen würden. Keiner wollte, nur um alleine zu bleiben, in die Richtung gehen, aus der der Andere kam. Man nickte sich zu und ging weiter.

Irgendwie blöd, wenn man minutenlang nebeneinander hergeht, im Wald, morgens gegen 9.00 Uhr, auf einem schmalen Waldweg.

Kurt hatte den anderen noch nie hier im Wald gesehen. Er war etwa im gleichen Alter wie er, etwa gleich groß, auch dunkelhaarig. Etwas schlanker vielleicht. Aber nicht viel. Nach einiger Zeit merkte er, wie ihn auch der andere aus den Augenwinkeln musterte. Irgendwas müsste man jetzt sagen. So was wie:

“Kommen Sie oft hierher?“ oder

“Sie laufen wohl auch gerne früh am Morgen?“

Aber Kurt sagte nichts. Der andere auch nicht. Kurt wusste, dass der Weg noch etwa zwei Kilometer weit in den Wald und am Schluss dann ein kleiner Weg zurück zu seinem Ausgangspunkt, der alten Fabrik führen würde.

Dort würde sein Spaziergang wie immer enden.

Aber was, wenn der Andere auch zur alten Fabrik wollte? Ob er einfach mal eine Zeitlang langsamer laufen sollte? Vielleicht so tun, als habe er einen Stein im Schuh?

Herrgott noch mal, das war doch absurd! Da laufen zwei erwachsene Männer nebeneinander auf einem Waldweg und schweigen sich an! Und keiner traut sich, etwas zu dem anderen zu sagen.

Gerda hätte wohl schon längst eine Unterhaltung mit dem Fremden begonnen. Kurt schmunzelte still vor sich hin. Wahrscheinlich hätte sie schon alles über ihn herausgefunden, wo er lebt, was er beruflich macht, wie alt er ist, wie seine Frau heißt.

Aber Gerda war seit drei Jahren tot. Sie war damals an Brustkrebs gestorben. Es begann ganz langsam, unbemerkt, bis sie eines Tages etwas von einem Knoten erzählte und davon sprach, mal zum Arzt zu gehen. Das Ergebnis der Untersuchung war niederschmetternd. Es hatten sich bereits Metastasen im ganzen Körper gebildet, ein Jahr später war sie dann gestorben.

“Laufen Sie auch so gerne früh am Morgen?“

Kurt erschrak.

“Wie?“

“Der Spaziergang! Früh am Morgen ist es hier doch am Schönsten, finden Sie nicht auch?“ sagte der Fremde und lächelte Kurt an.

“Ja, früh am Morgen, da haben sie Recht.“


Waldspaziergang

Teil II

Eigentlich hatte Kurt gar keine Lust sich zu unterhalten. Was sollte er ihm auch erzählen? Dass seine Frau vor drei Jahren gestorben war? Warum sollte den anderen das interessieren? Vielleicht war er ja auch Witwer? Ob er Kinder hatte? Kurt und Gerda hatten keine Kinder. Kurt wollte immer einen Sohn, aber Gerda konnte keine Kinder bekommen. Ob ihn ein Kind damals über den Tod Gerdas hinweggetröstet hätte? Ein Sohn oder eine Tochter wäre jetzt wohl auch schon über zwanzig Jahre alt, Kurt und Gerda waren immerhin dreißig Jahre glücklich miteinander verheiratet gewesen, bevor sie starb.

Wie es wohl gewesen wäre, einen Sohn zu haben, überlegte Kurt zum wiederholten Male. Ihn aufwachsen zu sehen, mit ihm zu spielen, mit ihm schwimmen zu gehen, angeln vielleicht.

Blödsinn. Kurt hatte in seinem ganzen Leben noch nie eine Angel in der Hand gehabt, warum hätte er, falls er einen Sohn gehabt hätte, mit diesem angeln gehen sollen?

Obwohl, mit seinem Sohn wäre es bestimmt interessant gewesen, das Angeln.

Kurt musste lächeln, als er sich vorstellte, stundenlang an einem See oder einem Fluss zu stehen, um eine Angel ins Wasser zu halten.

“Haben Sie einen Sohn?“ hörte er sich plötzlich seinen Begleiter fragen.

“Ich? Nein, ich habe zwei Töchter.“ sagte der. “Warum fragen Sie?“

“Ach, nur so. Es muss schön sein, mit seinem Sohn angeln zu gehen.“ erklärte Kurt.

“Angeln Sie?“ interessierte sich daraufhin der andere.

“Äh, nein, nicht wirklich.“ Kurt wurde es jetzt fast schon peinlich, überhaupt damit angefangen zu haben. Dann gingen sie wieder schweigend mehrere Minuten nebeneinander her. Es war Kurt plötzlich gar nicht mehr so unangenehm, mit jemandem gemeinsam zu laufen. Vielleicht könnte man sich ja öfter treffen und Waldspaziergänge machen. Wenn das Eis erst mal gebrochen war, wer weiß, vielleicht würde sich so eine Art Freundschaft entwickeln? Kurt ging automatisch an der Weggabelung rechts, weil er bei der alten Fabrik abbiegen wollte. Er bemerkte gar nicht, dass sein Begleiter sich mehr links hielt.

“Einen schönen Tag noch!“ rief er, sobald es ihm auffiel.

“Ja, danke, Ihnen auch!“ entfuhr es ihm noch, dann wurde der Fremde auch schon vom Unterholz verdeckt.

Kurt fühlte sich plötzlich irgendwie alleingelassen.

Schon seit vielen Jahren war er morgens ohne Begleitung im Wald unterwegs.

Noch nie hatte es ihm irgendetwas ausgemacht, nie hatte er sich alleine gefühlt. Mechanisch setzte er einen Fuß vor den anderen. Bald hatte er die alte Fabrik erreicht und verließ den Wald, den er genau an dieser Stelle vor zwei Stunden betreten hatte. Er liebte diesen Rundweg, trotzdem beschloss er, beim nächsten Mal nicht wieder hierher zu kommen.

Das nächste Mal würde er am See spazieren gehen. Er kannte dort am Rundweg ein paar Stellen, wo immer die Angler saßen.


Abschied

Die Eintönigkeit der Bahnfahrt wird an jeder Haltestelle, die kurz zuvor ausgerufen wird, für kurze Zeit unterbrochen. Ob wohl der Zug gut besetzt ist, herrscht Ruhe und eine eher eintönige Stimmung. Einige Passagiere haben keinen Sitzplatz und stehen draußen vor dem Abteil. Die meisten der Fahrgäste hören über ihre mp3-Spieler Musik, sind in eine Zeitung oder in ein Buch vertieft oder dösen vor sich hin. Die Ruhe im Eisenbahnwagen genieße ich zum einen, ein wenig geplaudert aber hätte ich schon sehr gern. So beobachte ich dann die einzelnen Fahrgäste. Die, die schon länger im Zug saßen, kannte ich nun schon einiger maßen gut, so meinte ich wenigstens. Im Abteil mir gegenüber sitzen zwei junge Frauen. Auch sie sind jede für sich mit Musik und etwas lesbarem beschäftigt. Kommunikation scheint heute nicht mehr gefragt zu sein, alle wollen nur noch für sich alleine sein, keine Gespräche, kein Lächeln, nichts, alle sitzen da mit dem gleichen versteinerten Gesichtsausdruck. Das eintönige Rumpeln und Wiegeln des Eisenbahnzuges wurde kürz vor einer jeweiligen Einfahrt in einen Bahnhof unterbrochen. “Radolfzell, bitte benutzen sie zum Aussteigen den Ausgang auf der linken Seite“. Die Bremsen quietschen, der Zug hält an. Im Wagen entsteht geschäftiges Treiben, einige Passagiere steigen aus, die die bis an hin draußen vor dem Abteil gestanden haben, suchen nun nach einem freien Platz. Draußen auf dem Fahrsteig steht eng umschlungenes und sich heftig küssendes Liebespaar. Er löst sich aus der Umarmung und möchte einsteigen, kann aber nicht loslassen, sie umarmen sich erneut heftig und innig. Sie lösen sich wieder, schauen hoch zu Bahnhofuhr, beide Tränen in den Augen und umarmen sich nochmals heftig. Zwei, drei Worte, ein Kuss, ein letzter Händedruck, dann entgleitet der Mann aus der Hand seiner Geliebten und eilt dem Eingang zu. Völlig verweint steht sie nun suchend da und schaut aufgeregt, in welches Abteil er dann einsteigen würde. Er kommt in unser Wagenabteil, hastig eine Träne abwischend und setzt sich mir gegenüber zu den beiden jungen Frauen. Die beiden Liebenden werfen sich nun beständig und beherzt Kusshände zu und versuchen, trotz ihres sichtlich großen Trennungsschmerzes zu lächeln. Langsam beginnt sich der Zug in Bewegung zu setzten. Der Mann stützt sich mit der einen Hand am Fenster ab, mit der schickt er seiner Geliebten nochmals einen letzten Kuss zu und sinkt dann zurück in seinen Sessel, die Hände übereinander gelegt auf das Mitteltischchen. Ein Strom von leisen Tränen rinnt über sein Gesicht. Er scheint nicht bemerkt zu haben, dass die junge Frau, die ihm gegenüber sitzt, ihn mit großen Augen beobachtet. Sie hatte, wie ich auch, diesen Abschied bereits auf dem Bahnsteig beobachtet. Und nun geschah etwas, was ich nie für möglich gehalten hätte. Sie zieht ihre Ohrhörer raus, stellt den mp3-Spieler ab und legt ihre Hand auf die Hände von ihrem ihr gegenüber fremden Mann. Mit der Anderen reicht sie ihm ein Taschentuch und lächelt ihn verständnisvoll an. Sie scheint selbst von diesem Abschied berührt zu sein. Der Zug rattert über die letzten Weichen von Radolfzell, draußen flitzen Bäume und Häuser vorbei, ein letztes Aufblitzen des Bodensees, dann eine düstern werdende Landschaft mit Wald und Felder, eine Landschaft, die langsam einzudunkeln beginnt.


Eifersucht

Teil I

Sandra saß in ihrem Büro und starrte aus dem Fenster. Seit nunmehr einer Stunde saß sie so da und dachte nach. Sie dachte an Fabian und ihre Beziehung. Drei Jahren waren sie schon ein Paar, doch seit einigen Wochen war sie nicht mehr glücklich. Es war so viel vorgefallen...

Am Anfang ihrer Beziehung war er sehr aufmerksam und zärtlich gewesen und sie wusste, dass er sie liebte. Sie wusste es auch heute noch, aber er hatte sich verändert. Immer häufiger war seine Eifersucht ein großer Streitpunkt bei den beiden. Erst neulich hatte er gegen sie die Hand erhoben. Er hatte gesehen, wie sie sich mit einem Mann unterhielt. Sie hatte gelacht und in seinen Augen flirtete sie mit dem anderen Mann. Er ging sofort dazwischen, zog sie am Arm und zerrte sie weg. „Du liebst mich nicht mehr! Gehst vor meinen Augen fremd und schämst dich nicht einmal!“ hatte er sie angebrüllt.

Mit Grauen dachte sie an diesen Abend zurück. Er hatte ihr noch weitere Vorwürfe gemacht: er würde nicht zulassen, dass sie nach anderen Männern weiter schaut. Niemals!

Sie schaltete ihren PC aus und räumte ihre Sachen zusammen. Als sie Richtung Ausgang lief, sah sie Fabian dort warten. Er schaute so lieb aus, wie er so da stand...

Sie wusste, er würde vollkommen ausrasten und sie hatte wahnsinnige Angst davor, doch so konnte es nicht mehr weiter gehen. Sie musste sich von ihm trennen!

Verzweifelt überlegte sie, wie sie das anstellen sollte ohne dass es eine Katastrophe geben würde. Langsam ging sie auf ihn zu und fasste derweilen einen Entschluss.

Als Fabian sie sah, lächelte er. Er machte einen Schritt auf sie zu und küsste sie auf den Mund. „Hallo mein Schatz, ich habe dir Blumen mitgebracht!“ Er hielt ihr einen großen Strauß roter Rosen unter die Nase. „Danke“, sagte sie leise.

Langsam machten sie sich auf den Weg zu Sandra´s Wohnung. Bei ihr angekommen, schloss sie ihre Wohnungstür auf, traten beide in den Flur und hingen ihre Jacken an der Garderobe auf.

„Ich stelle die Blumen mal in eine Vase“ meinte Sandra und verschwand in der Küche. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, weil sie wusste, was sie nun zu hatte...

Sie nahm eine Vase aus dem Küchenschrank, füllte diese mit Wasser und stellte die Rosen hinein. Mit beiden Händen umklammerte sie die Vase und ging ins Wohnzimmer, wo Fabian vor dem Fernseher saß. Sie blieb stehen und hielt die Vase noch immer fest an sich gedrückt.

„Willst du sie nicht abstellen?“, fragte Fabian. „Doch“, murmelte sie. Als sie die Vase auf den Wohnzimmertisch gestellt hatte, nahm sie ihm gegenüber auf dem Sofa Platz. Unruhig rutschte sie hin und her, die Hände hatte sie in ihren Schoß gelegt.

„Kannst du nicht still sitzen? Ich möchte jetzt gern die Sendung sehen“. Er klang genervt. Das waren wohl nicht die besten Voraussetzungen für ein Gespräch über ihre Beziehung und seine Eifersucht, aber sie konnte es nicht länger ertragen.


Eifersucht

Teil II

„Fabian, mach doch bitte den Fernseher aus. Wir müssen uns unterhalten“. Sandra schaute vor sich auf den Boden und spielte mit ihren Fingern. Er murrte zwar, schaltete den Fernseher jedoch aus. „Was ist dein Problem?“ er guckte sie grimmig an. Sandra schluckte geräuschvoll. „Fabian, so kann es nicht mehr weiter gehen. Deine Eifersucht macht alles kaputt“. Starr schaute er sie an. „Ich habe verdammt nochmal auch allen Grund dazu! Du verhälst dich einfach nicht so, wie sich meine Freundin zu verhalten hat!“ brüllte er sie an. Seine Schläfen pochten vor Wut, die Augen hatte er weit aufgerissen. Er sprang von dem Sessel auf und rannte im Wohnzimmer hin und her: „Ich weiß genau, dass du dich mit anderen Männer triffst! Warum sonst siehst du wohl jeden Tag so aus als wärst du in einen Farbtopf gefallen? Du willst den Männern den Kopf verdrehen und meine Gefühle sind dir völlig egal!“ Fabian redete sich richtig in Rage.

„Fabian, bitte beruhige dich! Lass uns doch wie Erwachsene darüber reden. Mit dem Verhalten schiebst du mich immer mehr von dir weg!“ Sandra redete ruhig auf ihn ein. Sie war sich jetzt absolut sicher, dass sie nicht so ein Leben führen wollte. Auch wenn sie ihn immer noch liebte, sie musste sich von ihm trennen. „Fabian, ich will nicht mehr mit dir zusammen sein. Ich...“ „Du hast einen anderen, stimmt es?“ unterbrach er sie und schrie sie dabei wütend an: „Ich habe es die ganze Zeit gewusst! Du miese, kleine...“ Er nahm die Vase und schmiss sie voller Wucht in Richtung Sandra. Nur ein paar Zentimeter neben ihrem Kopf zersprang die Vase an der Wand in tausend kleine Teilchen. Die Blumen fielen aufs Sofa. Es war totenstill im Raum. Sandra starrte ihn erschrocken an. „Das hast du nicht wirklich getan!“ flüsterte sie. „Fabian, es reicht! Hau ab, verschwinde aus meinem Leben!“ Sandra kochte vor Wut. Er stand mitten im Raum. Wie angewurzelt.

„Sandra, ich... ich... Das wollte ich nicht. Ich... Es... es tut mir leid!“ – er schaute beschämt auf den Boden. „Ich will deine Entschuldigung nicht hören! Raus hier! Raus...!“ Sie sprang auf, angestachelt von ihrer Wut. Sandra packte ihn am Arm und zerrte ihn Richtung Wohnungstür. „Sandra, bitte...“ „Nein Fabian, es reicht mir... Geh jetzt!“ Sie schaute ihn eindringlich an und machte die Tür auf. „Bitte Fabian. Geh einfach“. Langsam bewegte er sich Richtung Tür. „Das wird dir noch leid tun! Du wirst noch auf Knien zu mir zurück gekrochen kommen“. Mit diesen Worten ging er hinaus und schlug die Wohnungstür geräuschvoll hinter sich zu.

Er war weg. Jetzt brach alles aus Sandra heraus. Sie ließ sich an der Wand hinunter gleiten und blieb laut schluchzend auf dem Flurboden sitzen.

Trotz alldem war sie stolz auf sich. Sie hatte all ihren Mut zusammen genommen und ihre Entscheidung durchgezogen. Es tat zwar sehr weh im Moment, aber sie wusste, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. Und bald würde der Schmerz vorbei gehen und dann konnte ihr neues Leben beginnen…


Hoffnung

“Was soll das?“ Mara sah ihre Freunde an. In ihrem Gesicht stand Wut aber auch Trauer. “Warum hat mir keiner von euch gesagt was los ist? Warum lasst ihr mich so ins Messer laufen? Ich dachte ihr seid meine Freunde!“ “Jetzt beruhige dich und hör uns erst einmal zu“. Justin versuchte auf Mara einzureden, aber sie beachtete ihn kaum. Ihr war es völlig egal, ob sie eine gute oder eine schlechte Erklärung hatten. Sie war sich nicht sicher, ob sie überhaupt eine hören wollte. All ihre Freunde hatten es nicht für nötig empfunden ihr auch nur ein Wort zu sagen. Ihre Schwester lag im Sterben und keiner sagte auch nur ein Wort darüber. Als sie nach Hause gekommen war, hatten sich alle gefreut. Lange genug war sie ja weg gewesen. Dann als sie nach ihrer Familie gefragt hatte, hatten alle immer nur das Thema gewechselt. Egal wie oft sie nachgefragt hatte, nie war einer von ihnen darauf eingegangen. Nun hatte sie es allein herausgefunden. Nicht einmal ihre Eltern hatten ihr gesagt, was los war. Maja hatte es nicht gewollt. Na klasse, und wer fragte sie? Sie würde ihre Schwester verlieren, ihren Zwilling, ihren Seelenverwandten. Sie hatte die ganze Zeit gespürt, dass etwas nicht stimmte. Deswegen war sie ja überhaupt hierher gekommen. Als sie dann gefragt hatte, wo Maja sei, sagte man ihr, sie sei verreist. So ein Unsinn. Maja hasste es zu reisen. So sehr Mara es liebte, so sehr hasste Maja es. Das war in vielen Dingen so gewesen. “Maja hatte uns gesagt, dass du kommen würdest. Sie sagt auch, dass wir es dir nicht sagen sollen. Du solltest sie so in Erinnerung behalten wie sie war“. Luisa versuchte erneut Mara alles zu erklären, doch die wurde nur noch wütender. “Hätte ich nicht diesen dummen Unfall gehabt, hätte ich es nie erfahren. Ich hätte nie erfahren, dass ich meine Schwester nie wieder gesehen hätte. Ist denn niemand auf die Idee gekommen, dass ich mich vielleicht verabschieden will?“ “Doch natürlich. Wir alle wollten es dir ständig sagen, doch wir sind doch auch Majas Freunde und wir hatten es versprochen“. Pia erntete für ihre Erklärung nur einen wütenden Blick ihrer Freundin. Eigentlich konnte Mara die ganze Sache ja nachvollziehen. Sie selbst hätte wohl genauso gehandelt. Sie musste lächeln bei diesem Gedanken. Obwohl es daran keinen Grund dafür gab. Sie wunderte sich nur, wie zwei Menschen gleichzeitig so gleich und doch so verschieden sein konnten wie Maja und sie. In vielen Dingen waren sie sich so ähnlich. Manchmal war es ihnen so vorgekommen, als ob sie sogar dasselbe dachten. Und dann wieder konnten sie kaum begreifen, was der andere an so komischen Dingen, wie Klavier oder Fußball fand. Maja war immer eher fürs Künstlerische gewesen, Mara war der andere Typ.

Mara drehte sich einfach um und verließ den Raum. Sie hörte, wie die anderen ihr hinterher riefen, doch sie drehte sich nicht einmal mehr um. Sie wusste genau, dass sie ihnen verzeihen würde, denn sie konnte sie ja verstehen. Aber es würde noch ein wenig Zeit brauchen. Sie lief durch Straßen zum städtischen Krankenhaus. Als sie auf die Intensivstation kam, sah sie ihre Schwester dort liegen. Sie wusste, dass Maja sie nicht verstehen könnte. Aber sie fing trotzdem an, mit ihr zu sprechen. Tränen stiegen ihr in die Augen, sie wischte sie hastig mit dem Ärmel ihres Pullovers weg. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie sie das überstehen sollte, aber es würde bestimmt alles gut gehen. Maja hatte ihr gezeigt, dass sich immer alles zum Guten wendete. Als würde ihre Schwester spüren, dass Mara da war, zuckten ihre Augenlider. Mara dachte erst sich verguckt zu haben, doch einen Herzschlag später öffnete Maja die Augen. Ganz leicht nur, aber sie öffnete sie. Mara klingelte nach dem Arzt. Es würde bestimmt alles gut werden. Auf Majas Gesicht erschien ein kleines Lächeln.


Der Irrtum

Neulich besuchte ich ein Selbstbedienungsrestaurant im obersten Stock eines großen Wiener Kaufhauses. Ich wollte mich bei Toys R Us im dritten Stock nach einem Spielzeugpferd für meinen Neffen umsehen, einem von denen, die blinken und krachen und „Hottehü“ sagen, wenn sie umfallen. Leider wohne ich in einem Randbezirk, die Fahrt war anstrengend. Ich beschloss, erst einmal eine Kleinigkeit zu essen.

Die Schlange vor den dämpfenden Behältern war lang. Ich trat von einem Fuß auf den anderen, spähte meinem Vordermann über die Schulter, stöhnte vernehmlich. Endlich kam ich an die Reihe. Ich stellte eine Gulaschsuppe auf mein Tablett, bezahlte, setzte das nicht ganz saubere Tablett auf einem freien Tisch ab, zog mein Jackett aus, hängte es über den Stuhl. Da fiel mir ein, dass ich die Semmel vergessen hatte. Fluchend reihte ich mich noch einmal in die Schlange ein. Ich rieb mir die Schläfen. Die Luft in großen Kaufhäusern macht mir Kopfschmerzen.

Als ich mit der Semmel an meinen Tisch zurückkam, saß dort ein Schwarzer und löffelte genüsslich meine Gulaschsuppe.

Ich bin kein Rassist. Ich habe nicht das Geringste gegen Ausländer. Aber meine Suppe lasse ich mir von niemandem wegessen.

Kurzentschlossen setzte ich mich dem Fremdling gegenüber und starrte ihn herausfordernd an. Er senkte den Blick und aß weiter.

Der Kerl hat nerven, dachte ich, wollen doch mal sehen! Ich tunkte ein Stück Semmel in die Suppe und schob es mir in den Mund, ohne Augen vom Schwarzen abzuwenden. Er hob den Kopf, sah mich kurz an, aß weiter.

Das ist nicht zu fassen, dachte ich. Im Bemühen, mich nicht ausländerfeindlich zu geben, aber dennoch meine Suppe nicht ganz zu verlieren, riss ich meine Semmel in kleine Stücke und begann zu tunken. Ich tunkte und tunkte. Der Schwarze war so „freundlich“, den Teller etwas näher zu mir zu schieben, aber er sah mich nicht mehr an. Ich war ratlos. Wie sollte man solcher Unverschämtheit begegnen? Lärm schlagen? Andere um Unterstützung bitten? Leute, helft mir, ich bin kein Rassist, aber dieser Mann frisst mir die Gulaschsuppe weg! Lächerlich würde ich mich machen.

Eine Minute später war der Teller leer, alle Überlegungen hatten sich erübrigt. Der Schwarze wischte sich den Mund mit meiner Serviette ab. Er nickte mir zu, stand auf und ging. Mit offenem Mund starrte ich ihm nach.

In diesem Moment merkte ich, dass mein Jackett verschwunden war.

„Halt! Bleib stehen!“ schrie ich und sprang hoch. „Haltet ihn auf! Er hat mein Jackett gestohlen!“ Durch mein Geschrei zog ich die Aufmerksamkeit der Leute an den Nachbartischen auf mich. Mein Blick schweifte durch Lokal – würde sich jemand meiner annehmen, würden wir gemeinsam Jagd auf den Kerl machen?

Und da sah ich am Sessel des Nebentisches mein Jackett hängen. Meine Gulaschsuppe stand auch da. Unberührt. Die Tische in diesen Selbstbedienungsrestaurants sehen aber wirklich alle gleich aus.


Auf der Suche

Teil I

Ein trauriger Mann ging Tag für Tag im Park spazieren.

Ein wenig ziellos schien er immer herumzuirren, ständig die gleichen Wege zu gehen, als habe er etwas verloren. Keiner wagte ihn anzusprechen – so tief schien er in seine Gedanken versunken – und nie glitt auch nur der Anflug eines Lächelns über seine Gesichtszüge. Er schien sich auch für nichts zu interessieren was neben ihm passierte. Selbst die Leutchen, die täglich dort zusammentrafen, schienen für ihn unsichtbar. Oft streiften ihn verwunderte Blicke von den Senioren die draußen auf den Bänken saßen, um die goldene Oktobersonne zu genießen. Eine seltsame Scheu hielt sie davon ab ihn einfach mal anzusprechen, dabei waren sie ein nettes, aufgeschlossenes Völkchen dass täglich auch eine Runde Schach, oder das allerseits bekannte und beliebt Boule dort spielte.

Natürlich machten sich alle Gedanken um den seltsamen Mann, der mit einer fast versteinert scheinender Miene so ziellos und scheinbar auch ohne Freude herumzulaufen schien. Schnell wurde spekuliert, warum er so traurig wirkte. Einer meinte, sicher habe er gerade seine Frau verloren, und müsse sich erst zurechtfinden, bestimmt würde er eines Tages mit ihnen plaudern und wieder fröhlicher dreinschauen. Eine recht lustige ältere Dame meinte, mit der Zeit würden sie schon den Mut aufbringen ihn einfach mal anzusprechen, um ihn in die lustige Gesellschaft mit aufzunehmen die so viel Freude miteinander hatte. Wieder ein anderer aus der Runde meinte aber, es könnte ja auch sein er selbst sei sehr krank und müsse sich damit erst mal auseinandersetzen. Theorien über Theorien wurden aufgestellt.

Dann kam der lange, kalte, eisige Winter und die Senioren verbrachten nun ihre Zeit überwiegend zu Hause in der gemütlich warmen Stube. Nur hin und wieder trafen sie jetzt aufeinander, wenn sie mal kurz frische Luft schnuppern wollten. Meist gingen wie dann gleich wieder heim um sich bei einer schönen heißen Tasse Tee wieder aufzuwärmen und gemütlich ein schönes Buch zu lesen.

Ungeduldig erwarteten alle das Frühjahr, um wieder Freude bei den täglichen Treffs im Park zu haben. Endlich nach endlos scheinender Zeit war es wieder soweit, und es gab ein erfreutes „Hallo“ allerseits, und klar wurde viel erzählt was sich während der langen Winterzeit ereignet hatte.

Den alten traurigen Man hatte man darüber schon fast vergessen als er plötzlich wie gewohnt den Weg lang schlurfte, aber immer noch so traurig und griesgrämig dreinblickend. Er schaute weiterhin weder links noch rechts. Kopfschüttelnd und verständnislos schauten die anderen ihm hinterher.

Sie bemerkten aber dass er immer irgend was vor sich hinbrummelte, konnten aber nicht verstehen was er sagte.


Auf der Suche

Teil I

Einige Tage ging es nun schon wieder so weiter, bis eines Tages eine Horde von fröhlich lachenden Kindern durch die Parkanlagen zog, den Kopf voller Streiche, zu fröhlichen Lärmen und allen möglichen Spielen und Abenteuern aufgelegt. Endlich war der lange Winter vorbei, und sie waren glücklich wieder draußen ins Freie zu können um sich wieder mal so richtig auszutoben. Unbefangen wie Kinder sind gaben sie ihrer Fröhlichkeit uneingeschränkt und hemmungslos nach, lachten und hatten einfach Freude an dem schönen sonnigen Frühlingstag, scherzen und schmiedeten Pläne welche Abenteuer sie im kommenden Sommer alle an erleben wollten.

Da geschah es, genau als diese lachenden Kinder sich im Park tummelten, ein kleines, aber auch großes Wunder.

Der sonst so traurige wirkendeMann blieb stehen, schaute den Kindern zu und verzog das Gesicht. Ja, er lächelte und stimmte am Ende in das unbefangene Lachen der Kinder mit ein mit einer harmonischen, schön klingenden, sympathischen Stimme, und schien gar nicht mehr aufhören zu können. Seine Traurigkeit schien verflogen, er schien einfach voller Lachen und Freude zu stecken und die anderen Senioren verstanden gar nicht was da gerade geschah.

Da hörten sie den Mann aber schon laut ausrufen: „Ich habe es wieder, ich habe es wiedergefunden, ach ist das schön, einfach wunderbar, jetzt kann auch ich wieder glücklich sein“.

Die Augen schienen ihnen dabei fast aus dem Kopf zu fallen, als sie beobachten konnten, das er die Kinder an den Händen fasste, ein anderes durch die Luft wirbelte und sich von ihnen in die fröhlichen Abenteuerpläne mit einweihen ließ, und gar nicht mehr aufhören konnte sich darüber mitzufreuen. Er kicherte wie ein kleiner Lausbub der einen Streich aushecken wollte und war wie ausgewechselt. Nichts erinnerte mehr an das kleine graue traurig dreinblickende Männchen das Tag für Tag so desinteressiert und wie auf der Suche nach irgendetwas durch den Park gelaufen war und nichts wahrzunehmen schien.

Die Kinder hatten seine lauten Ausrufe auch gehört und fragten nun erstaunt was er damit meinte. „Ich habe es wieder gefunden, ich bin ja so froh“, immer wieder stammelte der alte Mann diese Worte, mit einem glücklichen Lächeln in den stahlblauen und nun unternehmungslustig blitzenden Augen.

„Ich hatte mein Lächeln verloren, nun aber habe ich es wiedergefunden“, erklärte er allen die ihm erstaunt zuhörten. Das geballte, fröhliche Kinderlachen im Park hatte ihn sein Lächeln wiederfinden lassen – bis dahin hatte er gesucht von dem er gar nicht wusste dass er es verloren und was ihn so traurig gemacht hatte – das Lächeln und unbeschwertes Lachen.

Nun sah er auch die anderen freundlichen Leutchen rundherum, die ihn gleich in ihre nette Runde aufnahmen. Er hatte wieder einen offenen Blick für alles rundum, sah die frisch grünenden Bäume, Büsche und die wunderschön sich in aller Schönhiet entfaltenden Blumen am Parkrand.

Alles, alles nahm er wieder wahr und freute sich, und bedankte sich mit einem nicht enden wollenden Lächeln, das Erlösung fand in einem befreiten glücklichen Lachen.


Der Kartenspieler

Das kleine verschlafene Dorf Snaketown lag mitten im Herzen der Sonara-Wüste, am Rande zur mexikanischen Grenze. Es wunderte Joe Dancer, dass die Postkutsche auf ihrer Fahrt nach Kalifornien ausgerechnet hier Station machte, doch wahrscheinlich war dies das einzige Nest, im Umkreis von 100 Meilen, in dem es frische Pferde für die Kutsche gab. „Sie können sich zwei Stunden lang die Beine vertreten, Mr. Dancer“, riet ihm der bewaffnete Begleiter der Postkutsche und spuckte dabei auf den staubigen Boden. „Aber seien Sie vorsichtig. Hier treibt sich eine Menge Gesindel herum“. „Ich habe einen guten Freund bei mir“, versuchte Joe dem Mann zu erklären, doch der winkte nur lächelnd und kopfschüttelnd ab und kehrte ihm den Rücken zu. Joe schaute sich um und entdeckte schräg gegenüber einen Saloon. Mit breitem Schritt bewegte er sich auf das hölzerne Gebäude zu. Plötzlich flog die Salontür auf und ein Mann mittleren Alters stolperte auf die staubige Straße. Ihm folgte ein stämmiger und schmutziger Mexikaner. „Steh auf, Gringo!“, schrie der Mexikaner. „Ich schieße nicht auf Leute, die auf dem Boden liegen“. Der Gesetzeshüter von Snaketown erhob sich und taumelte einige Schritte zurück. „Zieh!“, forderte der Mexikaner ihn auf. Joe hatte von dieser unzivilisierten Art die Probleme zu lösen des sogenannten Wilden Westens gehört. Und sich auch darauf vorbereitet. Er konnte ziemlich schnell ziehen und war auch sehr treffsicher. Doch was er nun zu sehen bekam, erschreckte ihn doch. Der Sheriff zog seinen Colt als erster und er zog verdammt schnell. Doch der Mexikaner war schneller und die Kugel aus seiner Waffe hinterließ ein fingergroßes Loch im Kopf des Sheriffs. „Nun gehört diese Stadt mir“, verkündete der Mexikaner den wenigen Zuschauern, die dem Duell beigewohnt hatten. Die meisten von ihnen zogen sich ängstlich zurück. „Und dabei dachte ich, diese Stadt würde von einem richtigen Revolverheld beschützt“. Der Blick des Mexikaners richtete sich kurz auf Joe. Er spuckte ihm vor die Füße. „Auch Lust auf eine Kugel?“ Joe verschlug es die Sprache. Er dachte nicht einmal daran, sich mit dem Mexikaner zu messen. Er würde auf jeden Fall den Kürzeren ziehen. „Das war nicht gerade eine Meisterleistung, Hector“, hörte Joe plötzlich jemanden sagen. Erst jetzt bemerkte er den alten Mann, der an einem kleinen Tisch auf der Veranda vor dem Saloon saß und dort in aller Ruhe ein Kartenhaus aufbaute. Er schaute nicht einmal auf, als Hector wild auf ihn zustürmte und sich drohend vor ihm aufrichtete. „Alter, wenn du mir etwas zu sagen hast, dann können wir das auf der Stelle austragen“. Die grauen harten Augen des Kartenspielers blickten den Mexikaner furchtlos an. „Es wäre gesünder für dich, die Stadt zu verlassen, Hector“, meinte der Alte, was den Mexikaner nur noch zorniger machte. Hector stampfte von der Veranda herunter auf die Straße und rief: „Entweder kommst du jetzt zu mir runter und stellst dich mir wie ein Mann oder ich puste dir den Kopf weg“. Der alte Mann erhob sich langsam aus seinem Stuhl, legte einen Stapel Karten sorgfältig zur Seite und begab sich auf die Straße. Die beiden Männer stellten sich auf, Hector zog augenblicklich seine Waffe und fiel tot um. Joe hatte nicht einmal gesehen, wie der Alte seine Waffe gezogen hatte. Er sah nur noch, wie er sie wieder einsteckte. Der Alte zog sich an seinen Tisch zurück, nahm seine Karten wieder auf und baute weiter an seinem Kartenhaus. Auf der Straße kümmerte man sich um die Leichen und einige Leute bedankten sich bei dem Kartenspieler. Joe trat an den Mann heran und fragte ihn, wie man lernen konnte, so schnell zu ziehen. „Karten!“, erklärte der alte Mann. „Sie verschaffen einem eine ruhige Hand und schnelle Finger“.


Die Vögel

In unserer Klasse waren zwei Mädchen, eineiige Zwillinge. Sie glichen sich hundertprozentig. Beide waren klein und sehr dünn, ihre Gesichter auffallend blass und ihre glatten Haare, die sie immer zu einem Pferdeschwanz trugen waren rötlich und immer fettig. Ihre Lippen waren dünn und spröde. Ihre Augen schienen riesengroß, genauso wie ihre Nasen, die von der Seite betrachtet wie Schnäbel aussahen. Die beiden Mädchen sahen krank aus und irgendwie abstoßend. Bei uns in der Klasse hießen sie nur die Vögel.

Die Vögel waren immer zusammen. Im Unterricht saßen sie nebeneinander, genauso wie in der Pause und im Bus. Keiner kam so recht an sie ran und eigentlich versuchte es auch keiner. Auf jeden Fall entstanden so viele Geschichten über sie und ihre Vogelfamilie. Nicht, weil sie abstoßend aussahen, sondern weil sie immer alleine waren, außerdem sah man sie nur in der Schule, wir munkelten, dass sie nachmittags schlafen würden, um nachts auf die Jagd nach Würmern zu gehen und ihre zu Hausaufgaben machen. Die Vögel waren nämlich schreckliche Streberinnen. Sie hatten immer ihre Hausaufgaben und zeigten immer auf. Nur leider waren sie irgendwie dumm, drum bekamen sie, trotz ihrer Anstrengung nie sehr gute Noten.

Wir machten uns sorgen, ihre Gehirne könnten nicht richtig funktionieren. Also stellten wir ihnen eines Tages nährstoffreiches Vogelfutter auf ihre Tische. Als sie in die Klasse kamen, wurden ihre blassen Gesichter schrecklich rot. Sie fingen an zu weinen und liefen im Gleichschritt davon. Sie kamen den ganzen Tag nicht zum Unterricht, dass einzige Mal so weit ich mich erinnere.

Ein anderes Mal ersetzten wir ihre Stühle durch eine Stange die wir von der Decke runter hängen ließen. Die Konstruktion zu bauen war eine ganz schöne Arbeit und als unsere Lehrerin vor Wut die Stange samt Befestigung von der Decke riss, meinten wir: „Aber Frau Lehrerin, das war doch eine freundliche Geste. Es ist doch nicht natürlich und vermutlich auch nicht gesund für Vögel den ganzen Tag auf einem Stuhl zu sitzen.“ Unsere Lehrerin lies die ganze Klasse nachsitzen und keiner ging auf das Angebot ein, den oder diejenigen zu nennen, die Verantwortung für die Vogelstange trugen und sich so von dem Nachsitzen zu befreien.

Einige Wochen später klingelte im Unterricht die Alarmglocke und auf dem Flur hörte man Geschrei und rennende Menschen. Als der Lehrer die Tür öffnete um zu gucken was los sei, stürzte in gerade diesem Augenblick ein Teil der Decke im Flur ein und verschüttete den Eingang und mit ihm den Lehrer. Hinter dem Gerümpel hörten wir lautes Geschrei und Gewimmer. Aus den Rufen ließ sich erschließen, dass es in einem benachbarten Raum brannte. Unsere einzige Fluchtmöglichkeit war verschüttet, da unser Raum sich im vierten Stockwerk befand. Die Mädchen und einige Jungen weinten. Ein paar versuchten die Deckenreste im Eingang weg zu schaffen, was nutzlos erschien, angesichts der Massen von Geröll. Nur die Zwillinge blieben unbehelligt auf ihren Stühlen sitzen. Doch irgendwann als die Situation gänzlich ausweglos erschien, standen sie auf und zogen ihre Oberteile aus und auf ihren Rücken spannen sich Flügel wie die eines Schwans. Sie waren mit weißen Federn bedeckt und ihre Spannweite schien enorm. Die Flügel ließen die Zwillinge schöner erscheinen als alles was ich jemals gesehen habe. Sie öffneten das Fenster und sprangen in ihre Freiheit. Entsetzt rannten wir ans Fenster und schauten ihnen nach, wie sie sicher nach unten glitten. Sie waren atemberaubend schön und wir vergaßen ganz unseren Kampf ums Überleben.

 

Alles zu seiner Zeit

Es ist Mitte Oktober. In meiner Mittagspause schlendere ich durch die Stadt, und was ich da sehe, macht mich nachdenklich. Da rennen und hetzen die Menschen durch die Straßen und Ladenpassagen auf der Suche nach einem passenden Weihnachtsgeschenk. Aus allen Schaufenstern lachen mir die Schoko-Nikoläuse entgegen, in den Geschäften stolpere ich über Lebkuchen und Christbaumschmuck. Hab ich vergessen, einige Kalenderblätter abzureißen, oder fangen die tatsächlich immer früher mit diesem Weihnachtswahnsinn an? Ach ja, stimmt! Ich erinnere mich, dass ich in der Radiowerbung heute Morgen schon dieses nervige „Jingle Bells“ hören musste. Ein schöner Song, aber nervt mich bitte nicht jetzt schon damit!!! Schön wird der erst an Weihnachten. Zurück im Büro schalte ich wieder das Radio ein. Sie spielen Lieder von Sommer, Sonne, Sand und Meer und besingen irgendwelche Juanitas und Antonios, denen sie in ihrem letzten Urlaub auf einer spanischen Insel tief in die Augen geschaut haben, und der DJ beschwert sich über die niedrigen Temperaturen draußen, während ich unsere Adventsfeier organisieren muss. Im nächsten Werbespot heißt es dann auch wieder: „Bald ist Weihnachten!! Jingle Bells, Jingle Bells...“ Hä? Ja, was wollen wir denn nun? Den Sommer zurück oder Weihnachten vorziehen? Sagen wir unseren Kindern nicht immer, sie müssten Geduld haben, bis der Weihnachtsmann kommt und ihnen Geschenke bringt? Und verbieten wir ihnen nicht, jetzt in Sommerkleidern rumzulaufen, so mitten im Oktober? Warum gehen wir dann nicht mit gutem Beispiel voran und boykottieren diese Weihnachts-Sommer-Verrücktheit? Wieder zu Hause erwartet mich schon mein Mann und ich erwische mich bei dem Gedanken, dass ich mir wünsche, einer dieser Antonios würde mich im Hausflur begrüßen. Wir schalten den Fernseher ein, wo die Moderatorin eines Nachrichtenmagazins meckert, weil der Wettermann gerade den ersten Schnee angekündigt hat. In der Reportage zuvor ging es um weihnachtliche Gerichte, und dieselbe Moderatorin hatte eben noch von dem süßen Duft nach Spekulatius und Zimtsternen geschwärmt. Nein, wir wissen wirklich nicht, was wir wollen, und auch mein Mann sagt, ihm träume jetzt nach Lebkuchen und Glühwein. Aha! Auch er hat den Verstand verloren. Ich liege im Bett und denke an all die verrückten Menschen draußen und habe einen Traum: Wir sind alle in die Karibik ausgewandert, liegen am Strand, halten unsere Juanitas und Antonios im Arm und feiern das ganze Jahr Weihnachten. Die Palmen sind mit bunten Kugeln, Lametta und Lichterketten geschmückt, der Weihnachtsmann kommt im Cabrio daher, trägt eine rote Badehose, sieht aus wie Ricky Martin und verteilt Glühwein und Cocktails. Die Lebkuchen schmelzen in der heißen Sonne, uns wird schlecht vom vielen Eis. Doch dann wird das den Menschen langweilig. Ich wache schweißgebadet auf, sehe meinen Mann neben mir, der zum Glück nicht Antonio heißt und nicht von einer spanischen Insel kommt. Ich stehe auf, schaue durchs Fenster und bin erleichtert, dass Mutter Erde diesen Weihnachts-Sommer-Wahnsinn nicht mitmacht und ich bin ihr dankbar dafür, dass sie uns heute einen schönen nebligen Oktobermorgen beschert.

Der Osterhase

Ich bin in einem Haus mit großem Obstgarten aufgewachsen. Jedes Jahr, wenn der Winter zu Ende ging und die letzten Schneeflecken abtauten, erwachte der Garten zu neuem Leben. Das Gras wurde wieder richtig grün, die ersten Krokusse brachen durch die Erde und so trauerten wir nicht lange den Schneeballschlachten und dem Schlittenfahren nach. Der Frühling war da und damit Ostern nicht mehr weit. Und mit ihm der Osterhase.

Meine Oma hatte einen richtigen Hasen, das heißt genau genommen ein Kaninchen. Aber für uns Kinder war es der Osterhase. Täglich führte uns der erste Weg nach der Schule zu seinem Stall. Auf dem Weg dorthin pflückten wir noch rasch etwas frischen Löwenzahn als Mitbringsel. Da freute sich der Hase und guckte uns alle ganz dankbar an. Essen war schließlich seine Lieblingsbeschäftigung. Meine nicht unbedingt, ich war ziemlich wählerisch beim essen. Aber eines mochte ich gerne. Ein Backhendl. Das heißt für Nichtösterreicher ein paniertes und frittiertes Hähnchen. Das war etwas ganz besonderes. Sowas leckeres gab es höchstens ein, zweimal im Jahr. So wenig ich ansonsten auch essen mochte, für ein Backhendl ließ ich alles andere stehen.

Eines Tages, es war Sonntag, der einzige Tag, an dem bei uns groß gekocht wurde, führte mich mein Weg wieder in den Garten zum Hasenstall. Aber da war niemand. „Er wird sich halt selber was zum fressen suchen“, dachte ich und ging nach oben, wo meine Oma schon zum Mittagessen gerufen hatte. Auf dem Herd stand die große Eisenpfanne mit siedendem Fett und darin rösteten appetitliche panierte Fleischstücke. „Hurra, es gibt Backhendl!“, rief ich begeistert, nahm am Esstisch Platz und wunderte mich nur etwas über die bedrückte Stimmung der anderen. Keiner lachte, auch gesprochen wurde kaum. Als dann die große Porzellanplatte mit den Fleischstücken auf den Tisch kam, wurde mir langsam klar, was das alles zu bedeuten hatte. Dieses Backhendl sah anders aus als sonst, schlagartig hatte ich keinen Appetit mehr auf mein Leibgericht.

Das war mein Hase, den ich essen sollte. Eine Welt brach für mich zusammen. Ich sollte den Osterhasen essen. Heulend lief ich auf mein Zimmer.

Als dann Ostern näher rückte, wollte meine Mutter wissen, ob ich mich schon auf die bunten Ostereier freuen würde.

„Wer sollte die denn legen?“, fragte ich empört, „den Osterhasen habt ihr doch aufgegessen!“ und lief weinend davon.

Aber Kinderherzen vergessen zum Glück schnell, und so hat mir der Osterhase, allerdings einer aus Schokolade, schon wieder gemundet.


Ich koche Eier weich

Ich habe eine gute alte Tante. Ab und zu schickt sie mir ein Paket ins Haus mit einem Geschenk. Das letzte Mal schickte sie mir einen riesigen Kuchen, und jetzt brachte mir die Post einen großen Korb. Darin fand ich sechzig Eier und folgenden Brief:

 

Lieber Neffe!

Wie freue ich mich, dass ich Dir sechzig Eier schicken kann. Lieber Junge, ich habe Dich sehr gern und so denke ich, da ich schon alt bin und wohl nicht mehr so lange auf dieser Welt sein werde, ist das vielleicht das letzte Geschenk, dass ich Dir schicken kann. Koch sie Dir selber weich und denke an

 

Deine

Dich herzlich liebende

Tante Anna

 

Aus Liebe zu meiner Tante beschloss ich, alle sechzig Eier weich zu kochen.

In meinem ganzen Leben hatte ich mich nie mit der Frage beschäftigt, wie man eigentlich Eier weich kocht. Eins stand aber fest: man muss sie kochen, wenn man sie weich kochen will.

Ich wollte nicht meine Bekannten fragen, wie man Eier kocht und beschloss darum Fachliteratur zu studieren. Ich erfuhr viel Nützliches, zum Beispiel, dass aus Eiern Küken auskriechen und wie die Eier ausgebrütet werden, aber dort stand nichts darüber, wie man Eier kocht.

Dann ging ich in einen Lesesaal und verlangte ein Konversationslexikon. Unter dem Buchstaben „E“, Stichwort „Eier“ fand ich nur die Bemerkung, dass Eier ein Produkt aus dem Tierreich sind und dass alle Vögel Eier legen. Ich forschte weiter, wie man Eier kocht. Leider ist diese komplizierte Frage von der Wissenschaft einfach übergangen.

Ich beschloss, mich selbständig an die Arbeit zu machen. Ich kaufte mir also einen Spirituskocher, fünf Liter Spiritus, sowie einen Topf. Dann ging ich ans Werk. Ich goss in den Topf Wasser, legte zehn Eier hinein und zündete den Spirituskocher an. Nach einer Viertelstunde nahm ich ein Ei aus dem Topf heraus. Das Ei war noch hart. Ich prüfte ein anderes Ei, es war auch hart. Alle Eier waren noch hart. Ich pellte also bei allen Eiern die Schale ab und warf sie in den Papinschen Topf. Nun kochte ich sie eine Stunde. Sie waren noch immer fürchterlich hart. So kochte ich sie bis Morgen. Doch weich wurden sie nicht.

Am Morgen fand man mich immer noch beim Kochen. Die Eier waren hart wie zuvor.


Sensationelle Premiere

Vor einer Stunde bin ich in Paris angekommen. Der erste Bekannte, dem ich begegnete, fragte mich: „– Haben Sie schon eine Eintrittskarte?“ „– Eine Eintrittskarte? Wofür?“ „– Für die heutige sensationelle Premiere!“ „– Ist das ein neues Stück?“ „– Ja, das Stück eines englischen Autors. Das ist der verrückteste Kriminalschlager aller Zeiten! Eine glänzende Rollenbesetzung, ausgezeichnete Bühnenbilder und von einem amerikanischen Regisseur inszeniert. Die Premiere ist schon seit Wochen ausverkauft!“ „– Was für einen Titel hat denn das Stück?“ „– Mord im Park“. „– Hm, klingt nicht schlecht“. „– Die ganze Stadt träumt davon, heute abend dabei sein zu können. Bis zum Schluss errät niemand, wer der Mörder ist. Erst nach drei Stunden aufgeregter Spannung, erst wenn der Vorhang fällt, - wird er den Zuschauern bekannt sein.“

Ich habe solche Kriminalstücke leidenschaftlich gern. Von der ersten Minute an entgeht mir kein verdächtiges Wort, keine so versteckte Anspielung. Dabei zittere ich fieberhaft am ganzen Körper, und mein Herz pocht, als ob es mir aus der Brust springen wollte. Ein gut gemachtes kriminalistisches Durcheinander gehört zu meinen besten Erlebnissen.

Aber was nun? Die Premiere ist schon seit einigen Wochen ausverkauft. Die Eintrittskarten werden zum zwanzigfachen Preis unter der Hand verkauft. Ich bezahlte also diesen Preis und trat in den verdunkelten Zuschauerraum. Der Vorhang ging gerade hoch, als ein Platzanweiser in der Loge an mich herantrat: „Sind Sie mit Ihrem Platz zufrieden, mein Herr?“ Bei diesen Worten hielt er seine Hand mit der Handoberfläche nach oben vor mich hin, was ich geflissentlich übersah. „– Ja, danke“, sagte ich.

Ich dachte, er wäre fortgegangen. Aber ich irrte mich, denn er blieb hinter meinem Rücken stehen. „– Wünscht der Herr ein Programm?“ „– Nein, danke.“

„– Es sind herrliche Aufnahmen darin“. „– Danke, ich will aber keins!“

„– Vielleicht ein Theaterglas?“

Auf der Bühne begannen sie mit dem Spiel. Erregt und nervös drehte ich mich um. Der Platzanweiser wiederholte seine Frage.

„– Nein, danke.“

Nun, hoffte ich, nicht mehr gestört zu werden. Aber das war ein Irrtum. „– Wünscht der Herr nach der Vorstellung ein Taxi?“ „– Nein!“

„– Also keinen Wagen?“ „– Nein! Nein!“

„– Vielleicht eine Tafel Schokolade?“ „– Nein, danke. Ich wünsche nichts!“

Ich war der Raserei nahe. Die Vorstellung begann interessant zu werden, und ich wollte nichts versäumen.

„– Wünscht der Herr auch nicht ein Glas Sekt in der Pause?“

„– Zum Donnerwetter, nein!“

„– Oder vielleicht ein paar Sandwiches?“

„– Ich will gar nichts, und Sie sollen sich zum Teufel scheren!“

Jetzt geschah etwas Furchtbares. Der beleidigte Platzanweiser, dem klargeworden war, dass er bei mir nichts verdienen konnte, dachte sich die grausamste Rache aus. Er beugte sich zu mir herunter, und mit hasserfüllter Stimme zischte er mir ins Ohr:

„– Der Gärtner ist der Mörder!“


Teil I

Auf eigene Faust durch die Türkei. Wir lieben dieses Land, die Menschen dort und die Gastfreundschaft der Türken. Reisen quer durch die Türkei haben wir Anfang der 90ziger Jahre auf eigener Faust mit dem Rucksack auf dem Rücken unternommen. Unser bevorzugtes Fortbewegungsmittel dort waren die Fahrten mit den Überlandbussen. Der Fahrpreis war erschwinglich und für längere Strecken nahmen wir dann gerne einen Nachtbus, denn dann hatten wir den Tag über noch zur freien Verfügung und wir sparten uns dadurch auch die Übernachtungskosten für ein Quartier.

Bis Kayseri hatten wir es auf dieser Art und Weise mit dem Bus schon geschafft. Jetzt wollten wir weiter nach Göreme, einer bekannten Stadt in Kappadokien, denn die Tuffsteinformationen dort wollten wir uns nicht entgehen lassen.

Auf dem Busbahnhof von Kayseri buchten wir eine Nachtfahrt nach Göreme, zwar mussten wir dabei umsteigen, aber das würden wir schon rechtzeitig merken. Bei den Nachtfahrten bevorzugten wir Sitzplätze direkt hinter dem Fahrer, denn dort war die Fahrt ruhiger, im hinteren Teil der Busse bekam man die Schläge der zum Teil nicht so guten Straße mehr mit.

Wie so üblich wurde die Nachtfahrt von einer zweiten Person begleitet, die sich um das Wohl der Fahrgäste kümmerte. Unser Busfahrer, ein junger gut aussehender Mann fuhr pünktlich ab und schon nach kurzer Zeit merkten wir, dass er gerne während der Fahrt eine Zigarette rauchte. Wir rauchten beide und mein Mann begann dem Busfahrer ab und zu einer seiner eigenen Zigaretten zu geben, der diese auch freundlich lächelnd annahm. Auch der Service in diesem Bus war hervorragend, denn es wurden warme Tücher gereicht, die auch in der Nacht sehr angenehm waren. Leider war keine Verständigung möglich, denn mit unseren wenigen türkischen Worten kamen wir nicht weit, ein Gespräch in englischer Sprache war ebenfalls nicht möglich und unsere deutsche Sprache wurde nicht verstanden. So verständigten wir uns mit Zeichen und dieses funktionierte auch.

Während der Fahrt gab uns der Busfahrer eine Landkarte nach hinten. Wir konnten nur erraten was er wollte. Er wollte, dass wir ihm auf der Landkarte unser Reiseziel zeigten. Wir zeigten auf die Stadt Göreme und bekamen ein freundliches Nicken von dem Busfahrer.







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